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Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band

by Cervantes Saavedra, Miguel de, 1547-1616
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Leben und Taten

des scharfsinnigen Edlen

Don Quijote von la Mancha

von

Miguel de Cervantes Saavedra


Erster Band




Übersetzt von Ludwig Tieck


Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig




Holzfreies Papier

Druck von Philipp Reclam jun.

Leipzig




~Prolog~


Müßiger Leser. -- Ohne Schwur magst du mir
glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind
meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und
verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich
habe aber unmöglich dem Gesetze der Natur zuwiderhandeln
können, daß jedes Wesen sein ähnliches
hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer,
ungebildeter Geist anders erzeugen als die Geschichte
eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und
voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand
beigefallen sind: wie erzeugt sich's auch gut in einem
Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist
und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat?
Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit
der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel
der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst
die unfruchtbarsten Musen fruchtbar und teilen der
Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen.
Ein Vater hat wohl einen häßlichen unliebenswürdigen
Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt,
knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine
Fehler nicht sieht oder sie wohl für Annehmlichkeit
und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden
für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber,
wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter
des Don Quijote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen
Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser,
wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen
bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde
wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest; denn
du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund,
du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten
Willen, daß einem das Herz im Leibe
lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter
Herr, wie der König in seinen Domänen,
und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen,
daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies
zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder
Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von
dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne
Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst,
schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest,
belohnen wird.

Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß
überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne
die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette,
Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor
den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich
muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten
wohl einige Mühe kostete, ich doch die für die
größte halte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt
liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu
schreiben, und sie ebenso oft wieder hingeworfen,
weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem
ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die
Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem
Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend,
was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir, der
munter und verständig ist, herein, und wie er mich
so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache; ich
verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf
den Prolog sönne, den ich zur Geschichte des Don
Quijote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge,
daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die
Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle.
Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was
der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird,
wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in
denen ich im Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen
habe, ich nun nach so manchem Jahre mit
einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse,
ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen
und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur,
ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen
am Ende des Buchs, wie ich doch sehe,
daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte
und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles,
Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken,
worüber sich alsdann die Leser verwundern und die
Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer
halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift
zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt
Thamasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem
sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten,
daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und
in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß
es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses
mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande
nichts bemerkt und am Ende nichts angemerkt, noch
weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie,
wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc
zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und
mit dem Xenophon oder Zoylus oder Zeuxis endigen,
wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler
war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange
an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten,
die Herzöge, Marquis, Grafen, Bischöfe, Damen und
weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn
ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde
bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen
könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleichkämen,
die von den angesehensten Verfassern in
unserm Spanien herrühren.

»Kurz, mein liebster Freund,« so fuhr ich fort, »ich
bin entschlossen, daß der Herr Don Quijote in den
Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der
Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die
ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und
wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles
dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam
und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen,
die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann.
Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut,
in der du mich gefunden hast: und das, was ich
dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende
Ursache.«

Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die
Stirn, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte:
»Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum,
in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne,
indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen
immer für einen vernünftigen und verständigen
Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr
ebenso weit davon entfernt seid, wie es der Himmel
von der Erde ist.

Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge,
die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen,
einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden
und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit
größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies
ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur
überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber
führen? Nun so hört mir aufmerksam zu und
Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand
umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel,
von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt
und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt
nicht Euren berühmten Don Quijote schenken wollt,
das Licht und den Spiegel der ganzen irrenden
Ritterschaft.«

»Nun, so sagt doch,« erwiderte ich, »wie wollt
Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen und das Chaos
meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?«

Worauf er antwortete: »Zuerst, was die Sonetten,
Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor
Eurem Buche fehlen und die von würdigen, angesehenen
Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn
Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu
schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen,
welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja
gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser
von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß
sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen,
und es kömmt irgendein Pedant oder Bakkalaureus,
die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln
wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn
sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen
sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es
geschrieben habt.

In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr
auf dem Rand zitieren wollt und aus denen Ihr
Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen
habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische
Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander
werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe
machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr
von Freiheit oder Sklaverei sprecht:

=Non bene pro toto libertas venditur auro.=

Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius,
oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der
Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde
auf das:

=Pallida mors aequo pulsat pede
Pauperum tabernas, regumque turres.=

Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott
auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich
in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so
keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen:

=Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.=

Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr
nur das Evangelium anführen: =De corde exeunt
cogitationes malae.= Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit
der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch
sein Distichon anbietet:

=Donec eris felix, multos numerabis amicos,
Tempora si, fuerint nubila solus eris.=

Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken
halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches
in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches
ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des
Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreist so
machen. Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem
Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliat, und bloß
mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten
macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung
ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese
Goliat oder Goliath war ein Philister, den der Schäfer
Daniel mit einem Steinwurf im Tale Terebintus
tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in
demselben Kapitel, welches davon handelt.

Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen
könnt, der in den weltlichen Dingen und der Kosmographie
bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten,
daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß
wöhnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine
herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß
Tago führt seinen Namen von einem Könige von
Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich
in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten
Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß
er Goldsand mit sich führe, usw. Sprecht Ihr von
Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des
Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn
liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den
Bischof von Mondonnedo, der Euch die Lamia, Lais
und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches
Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so
bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen,
so hat Homerus die Calypso und Virgilius
die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt
Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien
und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander.
Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr,
wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf
dem Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen
wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden
Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von
der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste
so viel über diese Materie finden wird, als
sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts
weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese
Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurige
aufzunehmen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen
und Anmerkungen sorgen, denn ich
schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben
und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben
will.

Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren
übrig, die man in anderen Büchern findet und die
in dem Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es
ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins
von denen Büchern zu nehmen, in denen sie alle,
wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche
Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht
man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das
nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und
vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig,
daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer
einfachen, schlichten Erzählung gebraucht. Überdies
wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt
seid oder nicht, denn keiner kümmert sich darum.
Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt,
aller der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem
Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die
Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte,
die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero
niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter
Narrheiten keine pünktliche Wahrheit oder
Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen
Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung
der Argumente, deren sich die Rhetorik bedient; auch
soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem
das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine
Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen
sollte. Euer Hauptzweck ist, das darzustellen, was
Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht,
je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch
auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das
Ansehen zu stürzen, in dem bei der Welt und dem
Haufen die Ritterbücher stehen, so gehen Euch auch
die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der
Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren
der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an,
sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in
einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden
Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich
wohlklingend und anständig fortbewegen, und daß
Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne
Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu
verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches
der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher
noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich
ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere,
daß der Ernste sie nicht verwerfe und der
Klügere sie nicht verachte. Kurz, richtet es ins Werk,
daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher
zerstört, die von so vielen gehaßt und von
noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so
ist Euch nichts Kleines gelungen.«

Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat
meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir
so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu
disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus
ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun,
freundlicher Leser, seinen Verstand findest, so wie
mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir
guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine
Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige
und unverstellte Historie des berühmten Don
Quijote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle
Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der
keuscheste Verliebte, sowie der tapferste Ritter gewesen
ist, den man wohl seit vielen Jahren dort
herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht
sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß
ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen
Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir,
daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters
Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche
Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen
Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen
wollen. Und hiermit beschütze dich Gott und vergiß
mich nicht.

Lebe wohl!




Auf das Buch
des Don Quijote von la Mancha


Urganda die Unbekannte


Kommst du, o Buch zu Bra--
So werden sie dich le--
Und keiner wird verwe--
So Plan wird Schreibart ta--

Gerätst du unter Scha--
So wirst du bald verneh--
Wie schön sie dich verste--
Begreif'n sie auch kein Com--
Sie haben's sich vorgenom--
Sie müssen's urteiln be--
Weil nun Erfahrung sa--
Daß, wer die Eiche su--
Im frischen Schatten ru--
So wirst du trefflich sa--
Wenn Bejar dir will ra--
Der Fürsten schon gebo--
Jetzt blüht mit dem Herzo--
Dem neuen Alexan--
Du brauchst wohl keinen an--
Ist er dir nur gewo--
Du sagst von dem Mancha--
Die seltnen Abenteu--
Ihn verrückten Leserei--
Den Kopf zu seinem Scha--
Die Waffen, Ritter, Da--
Entzündten ihm ein Fie--
Wie Roland dem Wüti--
Er liebte so wie die--
Bekannt' durch Taten die Lie--
Zur Tobosischen Dulzi--
Führt' nicht Inschrift und Sinn--
Als Rittersmann im Schil--
Er selbst statt tausend Bil--
Handelt' weislich wohl darin--
Hält er die Zuschrift gerin--
So ist der zu bekla--
Der es voll Mut gewa--
Dies Ritterwerk zu schrei--
Dann wird ihn keiner nei--
Auf immer ist er geschla--
Es hat sich nicht zugetra--
Daß der Schreiber dich geschmük--
Mit niedlichen kleinen Stük--
Von der lateinschen Spra--
Mag keiner dagegen was ha--
Und drüber rezensi--
Der wird Gesichter zie--
Und halten ihn für tö--
Der das ganze Buch verste--
Hieher gehört keine Lati--
Geklätsch sei wie deine Sa--
Laß jeden des Weges ge--
Das ist die beste Re--
So kommst du nie zu Scha--
Die gerne andre schla--
Geh' ihnen aus der Stras--
Und trübe selbst kein Was--
Erwirb dir gut Gerüch--
Denn wer Torheit erdich--
Erregt gerechte Has--
Sei niemals also wü--
Die Steine zu Hand zu neh--
Die Fenster sind ja glä--
Mußt nicht nach dem Nächsten zie--
Es ist keinem Manne gebüh--
Wer nicht Vernunft verloh--
Der schont ja gern der To--
Wer aber nur gesun--
Wohl zu gefallen den Jun--
Hat selbst für Narren geschrie--




Amadis von Gallia an Don Quijote
von la Mancha


Sonett

In meinem Leid hab' ich dich zum Genossen,
Wie ich der Ferne, Arme, der Verwaiste
Einst nach dem großen Felsen Armut reiste
Aus Freudigkeit in Trübsal hingestoßen.

Wie mir, so sind die Augen dir geflossen
Vom Tränenstrom, in dem das Salz das meiste,
Du warst zufrieden, wie man dich auch speiste,
Hast Erdensohn das Irdische genossen.

Sei sicher, daß du ewiglich wirst leben,
So lange nur Apoll den goldnen Wagen
Noch lenkt vom roten Morgen nach dem Westen.

Stets wird man dir den Ruhm des Tapfern geben,
Dein Land wird schönen Preis von dannen tragen.
Und deinen Weisen hält man für den Besten.




Don Belianis von Graecia an Don Quijote
von la Mancha


Sonett

Ich tobte, schlug, zerstörte baß verwegen,
Mehr als ein Rittersmann jemals bewiesen;
Ich war so stolz als tapfer, künstlich unterwiesen,
Ich rächte die Beschwer mit tausend Schlägen.

Den Taten mein kommt ew'ger Ruhm entgegen,
Als Liebender manch' Träne ließ ich fließen,
Nur Zwerglein waren mir die größten Riesen,
Im Kampfe mocht ich all' zu Boden legen.

Zu meinen Füßen lag das Glück geschmieget,
Ein Stirnhaar wußte Klugheit doch zu finden
Am Glück, wenn's auch ganz kahle Scheitel bote.

Mags, daß mein Ruhm jenseit dem Monde flieget,
Und aller Tatenglanz mir muß erblinden,
Beneid' ich deine Größe, Don Quijote.




Die Dame Oriana an Dulzinea von Toboso


Sonett

Lebt' ich wie du in sanfter Ruhe Schoße,
So gönnt' ich dir, o schöne Dulzinea,
Das prächtige London ach! mit Freuden ja,
Hätt' ich dafür gewohnt dort in Tobose!

Du warst dem Ritter seine süße Rose,
O daß es mir nicht so wie dir geschah,
Daß ich ihn nicht zu meinem Besten sah
Im wilden Kampf mit Schwert und wackerm Rosse!

Hätt' ich gekonnt den Amadis vermeiden,
So keusch verharren, wie es dir gelungen
Mit deinem sittgern Edlen Don Quijote!

Ich wär' beneidet, brauchte nicht zu neiden;
Es hätte mir kein Schmerz die Brust durchdrungen,
Der schwerer war, als von 'nem halben Lote.




Gandalin, Stallmeister des Amadis von Gallia, an
Sancho Pansa, Stallmeister des Don Quijote


Sonett

Gegrüßt sei, braver Kerl, dem gutes Glücke,
Als er stallmeisterlich in Dienst gegangen
Die Leiden alle vorher weggefangen,
Und niemals ihm bewiesen seine Tücke.

Die Sichel, Hacke und der Pflug sind Stücke,
Dem Irren nicht zuwider; mein Verlangen
War Ruh', ich netzte oft um ihn die Wangen,
Der stolz sucht' nach dem Monde eine Brücke.

Ich neide dir den Namen und dein Tierlein,
Auf deinen Schnappsack geht noch mehr die Mißgunst,
In dem du deine Weisheit tätest zeigen.

Noch einmal sei gegrüßt, du wackres Kerlein,
Der spanische Ovid besinget mit Kunst
Dich Edlen, drum mußt du dich ihm verneigen.




Der rasende Orlando an Don Quijote
von la Mancha


Sonett

Bist du kein Pair und so nicht meinesgleichen,
Sind tausend dir nicht gleich, denn unter denen
Darf keiner dich als ungebärd' verhöhnen,
Du paarlos, unbesiegt in deinen Streichen.

Orland' bin ich und schwärmt' in fernen Reichen,
Angelika erzeugte meine Tränen;
Ihr opfert' ich die Tat der kräftgen Sehnen,
Den Glanz des Ruhms, der niemals wird erbleichen.

Mich zu verdunkeln bist nur du geboren;
Ich preise deine Taten als die größten,
Und auch erreichst du mich als ein Verrückter.

Doch kämpftest du mit großen Zaubermohren,
So muß ich mich mit dem Gedanken trösten,
In Lieb' bin ich wie du ein Unbeglückter.




Der Ritter des Phöbus an Don Quijote
von la Mancha


Sonett

Mein Schwert darf sich dem Euren nicht vergleichen,
Ihr spanischer Phöbus, Blume aller Feinen,
Mein tapfrer Arm vermißt sich nicht dem deinen,
Ertönten gleich Gebirge seinen Streichen.

Ich wies die Völker ab mit ihren Reichen,
Ließ Morgenland zu meinen Füßen weinen,
Zu seh'n der Claridiana Antlitz scheinen,
Mußt auch Aurorens Herrlichkeit erbleichen.

Worauf es durch ein seltnes Wunder kame,
Daß Hölle, als die Dame mich verschmähte,
Den Arm gefürchtet, der gezähmt ihr Toben.

Unsterblich, Don Quijote, bleibt Euer Name,
Und Dulzinea Eure Morgenröte
Wird jeder Mund als keusch und weise loben.




Der Sultan an Don Quijote von la Manche


Sonett

Wohl sind, Herr Quijote, Eure Geschichten
Beweise, wie das Haupt Euch sehr verrücket,
Doch jeder muß gesteh'n, der auf Euch blicket,
Daß Ihr nichts Kleines dachtet auszurichten.

Ihr wolltet die Beschwer der Welt vernichten,
Und spaßhaft ist es, wie es Euch geglücket,
Denn Lümmelvolk, das sich darein nicht schicket,
Euch oftmals wacker bei den Ohren kriegten.

Und wenn die vielgeliebte Dulzinee
Sich undankbar erwiesen, Don Quijote,
Und kalt geblieben gegen Eure Triebe,

So sei Euch dies ein Trost in Eurem Wehe;
Herr Sancho war ein schlechter Liebesbote,
Er dumm, sie hart, nicht weit her Eure Liebe.




Gespräch zwischen Babinza und Rosinante


Sonett

B. Ihr, Rosinante, schaut so miserabel.
R. Nur stets marschieren, nichts zu fressen kriegen.
B. Ihr wollt gewiß auf Heu und Häcksel liegen?
R. Mein Herr gibt mir auch nicht ein Maul voll Haber.

B. O geht, Ihr seid ein ungezogner Knabe,
Wer wird so eselhaft den Herrn belügen!
R. Er bleibt ein Esel, ist es von der Wiegen;
Wollt wissen wie? Er ist ja ein Liebhaber.

B. Ist lieben Torheit? R. Weisheit nicht, mein Seele!
B. Seid Philosoph. R. Das macht, weil ich nicht speise.
B. Verklagt den Knappen. R. Ihr seid linker Hand.

Wem klag' ich's wohl, daß ich mich hungrig quäle,
Wenn es dem Herrn wie Knappen gleicherweise
Noch knapper geht als selbst dem Rosinant?




Don Quijote von la Mancha




~Erstes Buch~




~Erstes Kapitel~

Handelt von dem Stande und der Lebensweise des
namhaften Edlen Don Quijote von la Mancha


In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen
ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein
Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß,
einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine
Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends
gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter
und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene
Tauben zur Zugabe, verzehrten drei Vierteile seiner
Einnahme. Das übrige ging auf für ein schönes
Kleid, samtene Schuh und Pantoffeln derselben Art,
ingleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich
in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine
Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine
Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich
ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt,
der sowohl den Klepper sattelte, als auch die Axt
zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edlen mit
fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution,
mager, von dürrem Gesichte, ein großer
Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige,
die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada
führte, denn es finden sich etwelche Abweichungen
unter den Schriftstellern, die von diesen Begebenheiten
Meldung getan; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen
Vermutungen schließen, daß er sich Quixana
nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung
wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem
Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.

Es ist zu wissen, daß obgenannter Edler die
Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den
größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher
von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung
zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der
Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens
vergaß; ja, seine Begier und Vertiefung ging so weit,
daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte,
um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in
denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein
Haus, als er deren habhaft werden konnte. Unter
allen schienen ihm keine so trefflich, als die Werke,
die der berühmte Feliciano de Silva verfertigt hat,
die Klarheit seiner Prose und den Scharfsinn seiner
Perioden hielt er für Perlen, fürnämlich wenn er
auf Artigkeiten oder Ausforderungen stieß, als wenn
an vielen Orten geschrieben steht: Das Tiefsinnige
des Unsinnlichen, das meinen Sinnen sich darbeut,
erschüttert also meinen Sinn, daß ich über Eure
Schönheit eine vielsinnige Klage führe. Oder wenn
er las: Die hohen Himmel, die Eure Göttlichkeit
göttlich mit den Gestirnen bewehrt, haben Euch die
Verehrung der Ehre erregt, womit Eure Hoheit geehrt
ist. Mit diesen Sinnen verlor der arme Ritter
seinen Verstand und studierte die Meinung zu begreifen
und zu entwickeln, die Aristoteles selbst nicht
enthüllt und begriffen hätte, wenn er auch bloß
darum auferstanden wäre. Er war nicht sonderlich
mit den Wunden zufrieden, die Don Belianis austeilte
und empfing, denn er gedachte, daß, wenn ihn
auch die größten Meister geheilt hätten, ihm dennoch
kein Antlitz übrigbleiben und sein Körper nur aus
Narben und Malen bestehen könne. Doch gab er
darin dem Autor Beifall, daß er sein Buch mit dem
Versprechen eines ungeheuerlichen Abenteuers beschließt,
und oft kam ihm der Gedanke, die Feder
zu ergreifen und es wirklich, wie jener versprochen,
fortzuführen; auch hätte er es ohne Zweifel getan,
wenn ihn nicht größere und anhaltende Gedanken
abgehalten hätten. Es traf sich, daß er oft in Streit
mit dem Pfarrer seines Dorfes geriet (der ein gelehrter
Mann war und zu Siguenza graduiert), wer
von beiden ein größerer Ritter sei, ob Palmerin
von England oder Amadis von Gallia. Aber Meister
Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, meinte, daß
keiner dem Ritter des Phöbus gleich sei, oder wenn
sich einer mit ihm messen dürfe, so sei es Don Galaor,
der Bruder des Amadis von Gallia, dieser sei durchaus
edel und ritterlich, nicht geziert und weinerlich
wie sein Bruder, auch sei er in Ansehung der Tapferkeit
besser beschlagen.

Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die
Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die
Tage sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam
es vom wenigen Schlafen und vielem Lesen, daß sein
Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand
verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit
solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand,
als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen,
Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen
und andern Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein,
daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las,
wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine
zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid
Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen,
er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom
brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem
einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen
mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom
Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den
bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung
des Herkules nachgeahmt, der den Anteus,
den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel
Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er
gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle
stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und
artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von
Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem
Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er
dann sogar das Bild des Mahomet entführte, welches
ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er
sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben
zu können, er gern seine Haushälterin und als Zugabe
auch seine Nichte fortschenken wolle.

Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß
gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken,
den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn
es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung
seiner Ehre als zum Besten seiner Republik,
ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung
und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen um Abenteuer
aufzusuchen und alles das auszuüben, was er
von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht
aufzuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu
unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm
und Namen schmücken würden. Der Unglückliche
stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines
tapferen Armes zum Kaiser von Trapezunt würde
gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken,
angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte
er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen.
Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen,
die er von seinen Urgroßvätern geerbt und
die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen
in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte
sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen
großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht
vollständig, sondern nur eine Pickelhaube sei; aber
seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte
aus Pappen die untere Hälfte und verband sie
mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen
Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu
erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines
Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei
Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das
wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet.
Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der
er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser
Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte
inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der
Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere
Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß
dieser Helm der trefflichste sei.

Sogleich ging er seinen Klepper zu besuchen, ob
dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte,
als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als
das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen
war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der
Bucephalus Alexanders, noch der Babieza des Cid
mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem
er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle,
denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig,
wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und
das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen
führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten,
daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen,
ehe es einem irrenden Ritter gedient, und was es
nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie
es einen andern Herrn bekomme, ihm auch ein
anderer Name zukommen müsse, der es ziere und
sich für das neue Amt und die neue Lebensweise
gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den
vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte,
umarbeitete, wegwarf und wieder annahm,
um den besten zu erfinden, wählte er endlich die
Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener,
volltönender und bedeutungsvoller Name,
bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er
seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der
erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der
Welt sei.

Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem
Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für
sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen
wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß
er sich Don Quijote nannte. Woher, wie gesagt wird,
die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit
genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel
Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere
meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfre
Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis
zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches
und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu
machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt
habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackern
Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen und
er benamte sich also Don Quijote von la Mancha.
Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland
und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem
er den Zunamen von ihr entlehnte.

Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm
gemacht, dem Klepper ein Name gegeben, sein eigener
festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als
eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein
irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub
und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: Wenn
ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem
Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn
gewöhnlich irrenden Rittern begegnet), und ich ihn
in einem Anlauf niederrenne oder ihn mitten durchhaue,
oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär'
es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte,
sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte,
vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe
und mit demütiger und unterwürfiger Stimme
spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro,
Herr der Insel Malindrania, den im
Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter
Don Quijote von la Mancha überwand und mir
befahl, mich Eurer Gnaden zu präsentieren, damit
Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir
schalte. -- Oh, wie erfreut war unser wackrer Ritter,
als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er
wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle.
Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten
Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in
die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber
wie sich versteht, nie erfahren, er ihr auch niemals
gesagt hatte. Sie hieß Adonza Lorenzo und schien
ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken
zu geben. Er suchte nun einen Namen, der
dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und
Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und
er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie
war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem
Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie
alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden
hatte.




~Zweites Kapitel~

Handelt von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don
Quijote aus seinem Besitztum


Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es
nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk
zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach
seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung
erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen,
die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er
aufheben, Mißbräuche, die er bessern und Verschuldungen,
die er vergelten müsse. Ohne also irgend
jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer
bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem
Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit
allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den
übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff
die Lanze und zog durch eine kleine Tür des
Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und
vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten
Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem
Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher
Gewalt befiel, daß er beinahe sein angefangenes
Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm
nämlich ins Gedächtnis, daß er noch kein geschlagener
Ritter sei und daß er also nach den Gesetzen der
Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf
weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als
neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild
auf dem Schilde, bis seine Tugend ihm eins gewinne.
Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz
heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder
andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom Ersten,
auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen,
in Nachahmung vieler anderen, die ebenso verfahren,
wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung
getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte
er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell
zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße
überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte
seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen, als
den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß
dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.

Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt,
sprach er zu sich selber also: Es leidet keinen Zweifel,
daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte
meiner Taten an das Licht tritt, der Weise,
der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem
ersten so frühen Auszuge also anzuheben: »Der feuerrote
Apoll hatte kaum über das Angesicht der
großen, weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines
schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die
kleinen, buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen
die rosichte Aurora mit süßer, honiglieblicher
Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen
Gemahls verließ und durch die Tore und Balkone
des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen
zeigte: als der berühmte Ritter Don Quijote
von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein
berühmtes Roß Rosinante bestieg und begonn, über
das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.«
Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr
weiter fort: O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter!
in dem meine preisvollen Taten ans Licht
treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz
gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum
Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser
Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist,
die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß,
ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht,
meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege
und in jeglicher Bahn. -- Darauf sprach er, als wäre
er in der Tat verliebt gewesen: O Prinzessin Dulzinea!
Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält
es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer
Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle
nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt
Herrscherin dieses Euch unterworfenen Herzens, das
so Großes um Willen Eurer Liebe leidet.

An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn,
alles, wie er es in seinen Büchern gefunden
hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, so viel
es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine
große Strecke fort und die Sonne brannte so heftig
und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die
Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte.
Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas
stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er
sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit,
um sogleich, sogleich die Tapferkeit seines starken
Armes zu erproben.

Es sind Autoren der Meinung, daß das erste
Abenteuer, das ihm begegnete, das am Hafen Lapice
gewesen. Andere führen dasjenige mit den Windmühlen
auf, aber alles, was ich hierin erforschen
können, und was in den Jahrbüchern von la Mancha
geschrieben steht, ist, daß er den ganzen Tag fortzog,
und daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinahe
gestorben waren.

Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein
Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um
sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich
erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine
Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der
ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden
winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem
Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von
ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen
nennt, die mit einigen Maultiertreibern,
welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach
Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles,
was er dachte, sah oder sich einbildete so erschien
und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es
ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein
Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von
glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und
des Burggrabens nebst allen übrigen Dingen, mit
denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er
näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien,
und da er nur noch wenig entfernt war, zog er
dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß
ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um
mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich
ein Ritter dem Kastell nahe. Da er aber sah, daß
er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem
Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke
und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen,
die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige
Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses
in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein
Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde
Schweine (die ohne Gnade diesen Namen führen) versammeln
wollte und also in ein Horn stieß, auf dessen
Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich
Don Quijote das vor, was er wünschte, daß nämlich
ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe.
Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der
Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf
diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich
zukommen sahen, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen
wollten. Don Quijote aber, der ihre Furcht
aus ihrem Entfliehen schloß, erhub sein Visier aus
Pappen, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht
und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme
diese Worte: »Fliehen Eure Gnaden nicht, und fürchten
dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der
Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub
oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben,
geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen
mich Eure Gegenwart beglückt.«

Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht
mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte,
aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das
ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen
nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß
sich Don Quijote entrüstete und sprach: »Es geziemt
Bescheidenheit den Schönen wohl und große Torheit
ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch
sage dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich
Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen
als euer Diener zu sein.« Diese Sprache verstanden
die Damen nicht, und das üble Aussehen unsers Ritters
vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie
hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt
nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der,
wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war;
als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen
Waffen, als der Zaum des Pferdes, die
Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte,
so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild
von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt
hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur
fürchtete, so entschloß er sich, höflich zu reden und
sprach also: »Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe
suchen, so finden Sie außer einem Bette, denn wir
haben keins in der Schenke, alles übrige im großen
Überflusse.« Als Don Quijote die Unterwürfigkeit
des Kommandanten der Festung sah, denn dafür hielt
er den Schenkwirt und die Schenke, antwortete er:
»Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn
mein Schmuck sind die Waffen; meine Ruhe ist Streiten.«
-- Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen
hörte, jener hielt ihn für einen Gauner, die man
wohl feine Kastilianer nennt; er war aber ein Andaluzier,
ein Eingeweihter in die falschen Künste der
Karten, ein Schelm wie Cacus, und ein Spottvogel
wie ein Student oder Page, er antwortete daher:
»So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine
und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und
wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich
absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit
und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen,
geschweige denn eine Nacht.« Indem er dies sagte,
hielt er Don Quijote den Steigbügel, der mit vieler
Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch
den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte
sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große
Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier
auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute
es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es
Don Quijote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte
so gut. Er führte es in den Stall und kam dann
zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den
indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er
sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und
Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit
nicht dahin bringen, die Kehle freizumachen und den
nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen
Bändern unter dem Halse festgebunden war und von
denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen
vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen,
er blieb also den ganzen Abend in seinem
Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur
dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte,
daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme
Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären
und sagte daher mit vielem Anstande:

»Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süß,
Wie der große Don Quijote
Als er seine Heimat ließ.
Zarte Mädchen pflegten ihn,
Prinzessin'n sein Rösselin.

O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der
Name meines Pferdes und ich heiße Don Quijote von
la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben,
bis meine Tathandlungen in Eurem Dienste mich
kenntlich machten, aber diese alte Romanze von Lanzarote,
die sich auf meinen gegenwärtigen Zustand
schickt, hat mich bewogen, meinen Namen vor der
Zeit zu nennen; aber es wird die Zeit kommen, wann
Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll,
wann die Tapferkeit meines Armes den Willen Euch
dienstbar zu sein, beurkunden wird.« Die Mädchen,
die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren,
antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur,
ob er nicht etwas zu essen begehre. »Wann ich etwas
zu genießen haben kann,« antwortete Don Quijote,
»denn soviel ich einsehe, bedarf ich dessen ungemein.«
Es war gerade Freitag, und in der ganzen Schenke
nichts als etwas Stockfisch, den die Leute in dieser
Gegend Föhr nannten. Man fragte ihn also, ob er
vielleicht beliebe, Förchen zu speisen, denn man könne
ihm keinen andern Fisch zu essen reichen. Don Quijote,
der an Forellen dachte, antwortete: »Wenn es
viele Forellchen sind, so können sie eine Forelle vorstellen,
denn es läuft auf eins hinaus, ob mir jemand
acht Realen einzeln gibt oder ein einziges Stück von
achten; es kann überdies wohl zutreffen, daß es sich
mit einem Forellchen verhält wie mit einem jungen
Kalbe, welches dem Rinde vorzuziehen, sowie auch
das Zicklein zarter ist als der Bock; aber es sei,
was es wolle, so erscheine es sogleich, denn die Beschwer
und Waffenlast können nur durch Erquickung
des Innern ertragen werden.« -- Sie setzten also
den Tisch der Frische wegen vor die Tür der Schenke,
und der Wirt führte ein Stück des schlecht geweichten
und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot,
schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein
lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der
Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den
Händen nichts zum Munde führen, wenn es ihm
nicht ein anderer gab und hineinsteckte. Eine der
Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu
trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich
geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr
ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt
und durch das andere den Wein eingegossen hätte.
Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder
seines Helmes zerschneiden zu lassen.

Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein
Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam und
indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner
Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quijote völlig
darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde,
daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch
Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren
Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells;
und somit hielt er den Anfang seines Auszuges für
glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er
noch nicht zum Ritter geschlagen und er sich mithin
nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe,
ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.




~Drittes Kapitel~

Wird erzählt die zierliche Weise, mit der Don Quixote
zum Ritter geschlagen wurde


Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine
magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange
währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit
dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die
Knie niederließ und sprach: »Niemalen werde ich
mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure
Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich
flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen
Menschheit zum Nutzen gereichen wird.« Als der
Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen
Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung,
ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle.
Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener
aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte,
um die er flehte. »Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit
nichts anderes, mein gnädiger Herr,« antwortete
Don Quijote, »ich verkünde Euch also, daß
die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer
liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr
mich früh, vor Tage, zum Ritter schlagen mögt, und
daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells
die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird
dann mein höchster Wunsch erfüllt, damit ich, wie
es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen
könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen,
wie es das Amt der Ritterschaft und
der irrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne,
und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.«

Der Wirt, der wie schon gesagt, ein Schelm
war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit
seines Gastes haben mochte, war
jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden
hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen,
nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte
also, daß er sehr gut das verstehe, was er wünsche
und flehe und daß dergleichen Begehren sehr natürlich
und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei,
als er schiene und sein heldenmütiger Anstand verkünde;
er selbst habe sich in seinen Jugendjahren
einigen ehrenvollen Übungen ergeben, sei gleichfalls
verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine
Abenteuer aufzusuchen, sei in den Herbergen von
Malaga bewandert, in den Inseln von Riaran, in
der Gegend von Sevilla, auf dem kleinen Markte
von Segovia, in dem Olivengarten von Valenzia,
imgleichen auf dem Platze von Grenada, am Ufer
von San Lucar, unter den Rittern von Cordova,
den Schenken von Toledo und andern verschiedenen
Gegenden, wo er die Gewandtheit seiner Füße und
die Geschicklichkeit seiner Hände sehen lassen, dort
sei ihm vieler Unglimpf geglückt, dort habe er
manche Witwen gewonnen, einige Jungfrauen berückt
und wenige Unmündige betrogen; kurz, er
habe sich tausend Menschen und vielen vornehmen
Gerichtshöfen durch ganz Spanien bekanntgemacht;
letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses
sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen
und fremden Haushalte alle irrenden Ritter
aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein
möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum
auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten
Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in
seinem Kastell keine Kapelle habe, wo man die
Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen,
um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß
man die Wache im Falle der Not an jedwedem
Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht
das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten
könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand
die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß
er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben
wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen
Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld
mit sich führe? -- Don Quijote antwortete, daß er
keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern
von fahrenden Rittern niemals gelesen,
daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf
sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn
es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den
Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der
Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als
Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum
niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei
sich gehabt; es sei auch zuverlässig und ausgemacht,
daß alle irrenden Ritter, von denen so viele Bücher
angefüllt sind, auf den Fall der Not immer eine
gute Börse bei sich hatten, ingleichen Hemden, wie
auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden
zu heilen, die sie empfangen möchten, denn in
den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die
Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der
sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer
zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte
und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau
oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam
schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu
kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden
so völlig zu genesen, als wenn man gar keine
Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen
Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden
Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen,
daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten
versehen gewesen, wozu besonders
Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn
es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben
waren, welches aber in der Tat nur sehr selten
der Fall war, so hatten sie selber alles in sehr
subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem
Pferde hatten, daß es aussah, als wär' es ein
ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen
Gründen war es unter den irrenden Rittern nicht
sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen.
Der Wirt riet ihm noch einmal, da er ihn schon
wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er
auch binnen kurzem würde, daß er nicht reisen
solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten
bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem
Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten
gedächte.

Don Quijote versprach seinen Rat auf das
pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht,
daß er die Waffen in einem Hofe bewachen
solle, der zur Seite der Schenke lag. Don
Quijote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog,
der neben einem Brunnen stand, dann nahm er
seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem
Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen;
indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht
an völlig hereinzubrechen.

Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke
waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die
Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter
geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über
diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten
ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden
einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze
stützte und seine Augen auf die Waffen heftete,
ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war
völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles,
was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von
allen gesehen wurde.

Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in
der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu
geben. Er mußte dazu notwendig Don Quijotes
Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen,
aber als dieser ihn nahekommen sah, rief er mit
lauter Stimme: »O du, wer du auch seist, übermütiger
Ritter, der du dich nahst, die Waffen des
allertapfersten Irrenden anzurühren, den je ein
Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust,
berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als
Strafe deines Übermutes verlieren willst.« -- Der
Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht,
aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen,
wenn er sich darum gekümmert hätte, sondern
nahm die Waffen herunter und warf sie eine
große Strecke weit von sich. Als Don Quijote dieses
erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und
richtete darauf seine Gedanken wie es schien zu
seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: »Helft mir,
Gebieterin, in dieser ersten Befährdung, die sich
dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht
mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst
und Hilfe.« Indem er dies und andere dergleichen
Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit
beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber
einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem
er ihn so behende auf den Boden hinlegte,
daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre,
jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft
hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die
Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben
Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen.
Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen
(denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein
auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen
Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben, er
machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den
Trog freizumachen. Don Quijote, ohne ein Wort
zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu
flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff
zum zweiten Male die Lanze und ohne weitere
Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber
mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn
an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei
liefen alle aus der Schenke zusammen und unter
diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quijote
sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand an
seinen Degen und sprach: »O Herrin der Schönheit!
Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu
dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf
deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares
Abenteuer bevorsteht!« -- Hiedurch wurde, nach
seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht
einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle
Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.

Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen
sahen, fingen sie an, nach Don Quijote aus der
Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel
es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte,
es aber dabei nicht wagte, den Trog zu
verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu
lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten,
dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er
närrisch sei, und daß ihn seine Narrheit freisprechen
würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quijote
aber schrie noch lauter und nannte sie alle
Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells
aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter,
weil er es dulde, daß man also gegen irrende Ritter
verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft
empfangen, wolle er auch über seine Verräterei
mit ihm Rücksprache nehmen. -- »Was aber euch
übrigen betrifft,« fuhr er fort, »so seid ihr gemeines
Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter
achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt
mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn
empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.«
Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit,
daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen
wurden. Hiedurch und durch die Überredungen
des Schenkwirtes bewogen, hörten sie auf
zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich
wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung
seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit
zurück, mit welcher er sie begonnen hatte.

Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines
Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm
lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen,
ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging
also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung
einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz
ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch
geziemlich ihres Übermutes halber bestraft habe.
Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß
er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß
aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei;
alles, was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich
im Nackenschlage mit der Hand und im
Schulterschlage mit dem Degen, soviel ihm von den
Zeremonien des Ordens mitwissend sei, und daß
dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne;
mehr als genug habe er in der Bewachung der
Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend
wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt
habe. Don Quijote glaubte dies alles und
antwortete, daß er sogleich bereit sei zu gehorchen
und daß er alles so schnell als möglich beendigen
möchte, denn wenn man ihn wieder angriffe und
er schon zum Ritter geschlagen sei, er keine Person
im ganzen Kastell lebendig zu lassen gedenke, diejenigen
ausgenommen, die er ihm nennen würde
und die er aus Achtung gegen ihn verschonen wolle.

Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm
sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und
die Gerste für die Eseltreiber anschrieb und ging so
und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug,
und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu
Don Quijote hin. Diesem gebot er, sich auf die
Knie niederzulassen, und indem er in seinem Manuale
las, als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte,
erhub er unter dem Lesen die Hand und gab
ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen
zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwert,
indem er immer zwischen den Zähnen murmelte,
als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der
einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es
auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstand
tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien
nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen;
doch hielten die Tapferkeiten, die sie den
neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihren
Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete,
sprach die wackere Dame: »Gott mache Eure
Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch
glückliche Kämpfe.« Don Quijote fragte nach ihrem
Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene
Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr
einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines
Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete
mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie
sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo gebürtig,
jetzt auf den Bleichen von Sanchobienaya
ansässig, und daß sie ihm in allen, worin er befehlen,
dienen, und ihn für ihren Herrn erkennen
wolle. Don Quijote antwortete, daß sie sich aus
Liebe zu ihm künftig Fräulein möge nennen lassen,
und das Lehn vor ihren Namen setzen, mithin sich
also Lehnfräulein zu Tolosa nennen solle. Sie versprach
es ihm, und die andere befestigte ihm die
Sporen, mit der dasselbe Gespräch, wie mit der
Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen
und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn
ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera.
Don Quijote bat sie gleichfalls, das Don vorzusetzen,
und sich Donna Müllerin zu nennen, indem
er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.

Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien
beendigt waren, konnte Don Quijote die
Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu
sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen.
Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und
umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche
Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er
von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es
sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der
Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke
zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer
und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf
gut Glück fortziehen.




~Viertes Kapitel~

Was unserm Ritter begegnete, als er
die Schenke verließ


Mit Tagesanbruch verließ Don Quijote die Schenke,
so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als
Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den
Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich
aber des Rates seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen
Erfordernisse, die er mit sich führen solle,
vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach
Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem
Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauern,
seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder
hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben
der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.

Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante
nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als
wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit
zu laufen anfing, daß es schien, als wenn
seine Beine den Boden nicht berührten. Er war
noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als
wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme
einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte
er sie vernommen, als er sprach: »Ich danke dem
Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren
läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt,
die Pflichten meines Standes zu erfüllen und
die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln;
ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Genotdrängten
oder einer Notgeängsteten her, die
meiner Liebe und Hilfe benötigt sind.« -- Er lenkte
zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante
dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien.
Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht
hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem
anderen Eichbaum aber einen Jungen gebunden,
der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war,
ungefähr fünfzehn Jahre alt sein mochte und eben
derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das
nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem
Ansehen gab ihm mit einem ledernen Riemen häufige
Streiche und begleitete jeden Streich mit einer
Warnung und einem Rat, indem er sagte: »Die
Zunge laß stillbleiben, aber die Augen müssen munter
sein.« Der Junge antwortete: »Ich will es
nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit,
ich will es nicht wieder tun, ich verspreche,
künftig auf das Vieh mehr acht zu geben.«

Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit
erhabener Stimme: »Ungezogener Ritter! Schlecht
geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich
nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß
und ergreift Eure Lanze (denn für eine Lanze sah
er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an
der die Stute festgebunden war), damit ich Euch
zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.«
-- Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt
über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem
Gesicht focht, hielt sich schon für tot und antwortete
mit bittender Stimme: »Herr Ritter, der Junge,
den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde
Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte,
aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein
Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit
und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus
Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich
ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele,
er lügt es.«

»Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner
Bube!« rief Don Quijote aus, »bei der Sonne, die
uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit
dieser Lanze, wenn du ihn nicht ohne Widerspruch
bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und
schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich
binde ihn los!«

Der Bauer hing den Kopf und band ohne ein
Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte
Don Quijote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei,
worauf dieser antwortete: »Neun Monate und
jeden Monat sieben Realen.« Don Quijote rechnete
es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig
Realen betrug, er befahl hierauf dem Bauer,
sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen
wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß
er dastehe und geschworen habe, ob er gleich
gar nicht geschworen hatte, es betrage nicht so viel,
denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen
abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real
für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er
unpaß gewesen. »Dem mag also sein,« antwortete
Don Quijote, »aber was die Schuhe und die Aderlässe
betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen,
die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat
er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen,
so hast du dafür dasjenige seines Körpers
zerrissen, hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da
er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit
abgezapft, dafür ist er dir also nichts schuldig.«

»Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein
Geld bei mir habe, will aber Andres nur mit mir
nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real
auf dem andern bezahlen.«

»Mit ihm gehen!« rief der Junge, »schönen
Dank! Nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken,
denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich
schinden wie einen Sankt Bartholomäus.«

»Fürchte nichts,« antwortete Don Quijote, »genug,
daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete,
er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft,
den er empfangen, schwören, dich freizulassen und
den Lohn gewiß zu bezahlen.«

»Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht,«
antwortete der Bursche, »denn mein Herr ist kein
Ritter, und er hat auch gar keinen Orden der
Ritterschaft empfangen, denn er ist ja der reiche
Hans Dickbauch, der Nachbar vom Quintanar.«

»Das hindert wenig,« antwortete Don Quijote,
»auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr,
da jedermann der Sohn seiner Taten ist.«

»Das ist wahr,« sagte Andres, »aber von was
für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen
Lohn, meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?«

»Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres,«
antwortete der Bauer, »und wenn du nur mit mir
kommen willst, so schwöre ich dir bei allen Orden
der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen
wie ich gesagt habe, einen Real auf dem andern,
und obenein lauter blankgeschliffene.«

»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte
Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so
bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es
vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre
ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder
aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden
werde, und wenn Ihr Euch auch besser als
eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber
wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr
Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen,
so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von
la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und
Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht,
was du versprochen und geschworen, bei Strafe der
angekündigten Strafe.«

Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die
Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit
den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz
verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte
er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun
komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir
schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr
geboten hat.« -- »Ich schwöre Euch,« sagte
Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der
wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend
Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig
ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt
Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit
er das tut, was er gesagt hat.« -- »Ich schwöre dir
ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute,
das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern
wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er
nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder
an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab,
daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,«
sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher
Ungebühr und seht, wie er diese vernichten
wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug,
denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen,
wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und
gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen,
um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres
ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern
Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles,
was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um
sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er
ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.

Also vernichtete der tapfere Don Quijote die
Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg
ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft
auf die schönste und edelste Weise angetreten zu
haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit
den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit
halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor
allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor
allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir
unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer
und überaus berühmter Ritter, wie ist und
sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie
die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und
schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert
hat, das jemals die Unvernunft ersann und
die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel
aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der
ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«

Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine
Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und
sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis,
an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu
überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in
Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und
nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante
den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen
eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen
Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu
begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen
geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen,
die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo
waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen.
Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen
reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls
beritten und drei Burschen zu Fuß für die
Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt,
so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer.
Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten,
die er in seinen Büchern gelesen,
nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das
ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich
also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln
fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem
Schilde die Brust und lagerte sich dann in der
Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die
irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß
sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als
sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören
konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach
mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten,
wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt
keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la
Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von
Toboso.

Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu
hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die
sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten
merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides
angehörte. Sie wollten aber gern erfahren,
warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert
werde und einer von ihnen, der gern spottete
und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle
kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht,
zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet,
so wollen wir freiwillig und ohne allen
Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns
fordert.«

»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don
Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte
Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß
Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet,
beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt
der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen
nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach
den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen,
wie es Sitte und übler Gebrauch unter
Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich
Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache
vertraue, die auf meiner Seite ist.«

»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich
flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches
wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren
mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie
hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil
aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten
Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber
Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis
dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so
groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem
Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel,
und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen,
und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß
wir alle schon für sie sind, und wenn man auch
auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief
sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein
triefe, so wollen wir demungeachtet, um
Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen,
was Ihr nur verlangen werdet.«

»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don
Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag'
ich dir, was du behauptest, außer Ambra und
Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig,
sondern sie ist gerader als eine Spindel von
Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung
bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit
meiner Dame ausgestoßen habt.«

Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen
den, der gesprochen hatte ein und rannte mit
solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn
es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante
mitten im Wege gestolpert und gefallen
wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel
ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte
seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein.
Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte
es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die
Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung.
Indem er sich bestrebte aufzustehen und es
doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel,
elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht
durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines
Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen,
der nicht sonderlich aufgeräumt war, den
armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte,
konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort
auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm
hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere
Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm
Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß
er ihn unter der Last und dem Drucke seiner
Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen
ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte,
aber der Junge war einmal erbittert und wollte
das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen
rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen
Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem
elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters
von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht
das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde,
und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.

Der Junge wurde müde und die Kaufleute
setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von
dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich
allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben,
aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund
und wacker war, wie konnte er es jetzt, so
zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber
pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für
ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich
sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd
schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben,
denn er war am ganzen Körper zerschlagen.




~Fünftes Kapitel~

Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters
zu erzählen


Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so
verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel,
nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern
zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom
Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von
Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im
Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder,
die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben
sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als
die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand
schien ihm auf seine Lage am meisten passend
zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke
eines großen Schmerzes auf der Erde herum und
sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete
Ritter im Walde sagt:

Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein,
Daß dich mein Leid nicht schmerzt?
Du magst wohl ohne Kunde sein,
O'r hast die Treu verscherzt.

So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:

O du Marchese von Mantua fein,
Mein Ohm, verwandtes Herz!

Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer
aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging,
der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte.
Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah,
ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei
und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt
anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser
der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete
also nichts weiteres, als daß er in der
Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die
Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug,
ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer
stand verwundert da als er dergleichen Unsinn
hörte; er machte das Visier los, das von den
Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte
ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte
ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und
rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name
als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden
Edelmanne noch nicht in einen irrenden
Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden
denn so zugerichtet?« -- Jener aber fuhr immer
fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.

Da dies der gute Mann sah, machte er ihm,
so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um
nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand
weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich,
ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe
brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für
die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen
suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen
und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel
faßte, seinen Esel aber an einem Stricke
führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat,
sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don
Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don
Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum
auf dem Lasttiere halten konnte und dann und
wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß
der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn
zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan
ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich
auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den
Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez,
den der Kommandant von Antequera,
Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach
seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von
neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh
tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten,
die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo
de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte
in der Diana des Georg de Montemayor
gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte
sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels
werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören
zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein
Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem
Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden,
den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte
erregte. Am Schluß derselben sagte dieser:
»Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo
de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa
zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt
wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will
die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn,
sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete
hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich,
bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de
Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua,
sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid
Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern
der ehrenfeste Herr Quixada.« -- »Ich weiß, wer
ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch,
daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern
auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch
dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die
sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan
haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen
sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer
wartete, bis es finster würde, damit man nicht
den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter
sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte,
zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes
Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der
Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes
gute Freunde waren, befanden sich dort und
die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme:
»Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat
Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn
Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen,
nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht
die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn
ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren
werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten
Ritterbücher, die er immer las, den Verstand
verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß
ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich
sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und
ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen.
Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen
Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf
in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«

Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch
hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der
Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal
in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei
Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf,
den Degen nahm und auf die Mauer losschlug,
wenn er dann ermüdet war, sagte er, er
habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht,
der Schweiß, den er von der Anstrengung
vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden,
die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank
er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus
und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß
das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der
weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund
gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die
Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines
Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher
dazu getan hätten, ehe er das geworden ist,
was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen
Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl
als die Ketzer verdienen.«

»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und
wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn,
ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt
haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie
zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem
guten Freunde ergangen sein muß.«

Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote
mit an und der Bauer begriff daraus völlig die
Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter
Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen
und dem Herrn Marques von Mantua, der
schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn
Mohren Abindarraez, den der Kommandant von
Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen
führt.«

Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und
wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren
Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von
seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte,
wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt
alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines
Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett
und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda,
daß sie meine Wunden heile und untersuche.«

»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin,
»mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem
Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit
Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen,
ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und
noch hundertmal und noch tausendmal verflucht
mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so
zugerichtet haben.«

Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine
Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden,
sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit
seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan,
in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten
und wildesten, die man wohl auf einem
großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!«
sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz?
Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr
alle verbrannt sein.«

Sie taten tausend Fragen an Don Quijote,
aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man
möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen,
welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und
der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher,
auf welche Art er Don Quijote gefunden
habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die
jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen
habe, welches den Lizentiaten in seinem
Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich
seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief,
mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes
begab.




~Sechstes Kapitel~

Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und
Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen
hielten


Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer
sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer
geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher
befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen
hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen
mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden
waren und außerdem noch mehrere in
kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte,
ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich
mit einer Schale Weihwasser und einer Rute
zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat,
besprengt die Stube, damit nicht einer von
den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken,
uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe
tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«

Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin
und befahl dem Barbier, daß er ihm ein
Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn,
weil sich vielleicht einige finden möchten, die
die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die
Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden,
denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am
besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen,
sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer
dran zu legen, oder man könnte sie auch in den
Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten,
weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich
fiele.«

Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile
hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen,
aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern
er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.

Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte,
waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der
Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu
liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war
dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das
in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen
ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken
haben, darum muß man es auch als den Stifter
einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne
Gnade zum Feuer verdammen!«

»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn
man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste
von allen in dieser Gattung sei und darum könnte
man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«

»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus
diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt.
Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«

»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten
des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis
von Gallia.«

»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das
Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes
setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn,
macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den
Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«

Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden
und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter,
wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer
Geduld erwartete.

»Weiter!« sagte der Pfarrer. -- »Der nun
kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von
Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich
glaube, von der Familie des Amadis.«

»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte
der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra
verbrennen zu können und den Schäfer
Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten
und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd'
ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben,
wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters
ertappen ließe.«

»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier.
-- »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. -- »Wenn es
so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in
den Hof hinunter!« -- Da es so viele waren und
ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie
alle aus dem Fenster in den Hof hinab.

»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der
Pfarrer fort. -- »Dieser«, antwortete der Barbier,
»ist Don Olivante de Laura.« -- »Der Verfasser
dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe,
der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt
sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von
beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich
richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist
aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und
Albernheit in den Hof wandern soll.«

»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der
Florismarte von Hircania.« -- »Ist der Herr Florismarte
da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich
eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren
Geburt und seinen schimärischen Abenteuern,
zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener
Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den
andern, Frau Haushälterin.«

»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie,
und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. --
»Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. --
»Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und
ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente,
also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.«
-- Es geschah sogleich.

Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden
den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen
Namens, den dieses Buch führte, könnte man
ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man
sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der
Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.

Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte:
»Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« -- »Ich
kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer;
»da findet sich der Herr Reinald von Montalban
mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer
Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs
und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin;
eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige
Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung
des berühmten Mateo Boyardo, aus dem
auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein
Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und
er redet nicht seine Landessprache, so werde ich
nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet
er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm
alle Hochschätzung.« -- »Ich habe ihn italienisch,«
sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« --
»Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,«
antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern
dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu
übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er
hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit
nicht ausgedrückt und eben das wird allen
begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen
wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit,
die sie anwenden und besitzen, wird der
Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen
können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle,
die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden
sollten, in einen trockenen Brunnen legen
müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen
anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del
Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt,
ausnehme, wenn mir diese in die Hände
fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben,
die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem
Feuer überliefern soll.«

Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles
gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der
Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer
Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze
Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein
anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de
Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das
Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat
erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich
verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut
werden, aber die Palme von England bewahre man
gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in
einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter
der Beute des Darius fand, die er brauchte, um
die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren.
Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen
merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist,
zweitens, weil es von einem geistreichen Könige
von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer
im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich
ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar,
zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande
das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten.
Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas,
wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und
der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein,
alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen
sollen.«

»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn
hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«

»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre
dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber
vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen,
dann müsse man alles wegstreichen, was
sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen
noch größeren Narrheiten, dann möchte man
ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen
und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade
gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach
Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.«
-- »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne
sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen,
befahl er der Haushälterin, alle die großen
zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen.
Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam
begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie
alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes
und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm
also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster
hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt,
fiel eins davon dem Barbier auf die Füße
nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen,
der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter
Tirante dem Weisen.

»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter
Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen
haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere
Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube
von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don
Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder
Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn,
imgleichen der Zweikampf, den der tapfere
Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten
der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln
und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine
Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito
verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in
Ansehung des Stils dies das beste Buch von der
Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und
sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor
ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle
übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen.
Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne
so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt
zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf
die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause
und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die
Wahrheit gesagt habe.«

»Ich will es tun,« antwortete der Barbier,
»aber was machen wir mit den übrigen kleinen
Büchern?«

»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher,
sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf,
welches die Diana des Georg de Montemayor war
und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke
hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt
zu werden, denn sie stiften und werden niemals
solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet
haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie
dem Leser Nachteil bringen.«

»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet
doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen
lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim
von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er
diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein
Schäfer zu werden und singend und musizierend
durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird
wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste
und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«

»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer,
»wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen
Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir
wollen also mit der Diana des Montemayor den
Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt
werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden,
was von der weisen Felicia und dem bezauberten
Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen
Verse und dem Werke in Gottes Namen die
Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das
erste zu sein.«

»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die
Diana, die man die zweite vom Salamantiner
nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben
Titel, vom Gil Polo verfaßt.«

»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer,
»mag jene zum Hofe verdammten begleiten und
ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen
wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. --
Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn
es wird schon spät.«

»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein
anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher
vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso,
einem sardinischen Poeten.«

»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer,
»seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und
Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles
Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste,
ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung
jemals an das Licht der Welt getreten sind, und
wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß
er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat.
Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir
mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid
von dem groben florentinischen Tuche geschenkt
hätte.«

Er legte es mit der größten Freude beiseite und
der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt
der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares
und die Entwirrung der Eifersucht.«

»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,«
sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen
Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne
mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals
fertig würden.«

»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«

»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer,
»sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn
wie ein kostbares Kleinod.«

»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier,
»heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«

»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer,
»so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von
manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden,
die sich unter seinen Schönheiten befinden;
hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den
ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und
heroischen Gedichte sehr hochschätze.«

»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte
des Lopez Maldonado.«

»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete
der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem
Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört,
denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein
Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist
er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals
zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten.
Was steht denn aber daneben?«

»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete
der Barbier.

»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein
guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im
Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist
manches gut erfunden, manches wird vorbereitet
und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen
zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient
er sich durch diesen die Gnade für das Ganze,
die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin,
Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«

»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und
nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana
des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des
Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate
des Cristoval de Virues, des Valenzischen
Poeten.«

»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind
die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer
Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den
berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die
köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien
besitzt.«

Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen,
er endigte also damit, daß er befahl, alle
übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt
schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte:
die Tränen der Angelica.

»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der
Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses
Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der
Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht
allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der
auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich
übersetzt hat.«




~Siebentes Kapitel~

Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don
Quijote von la Mancha


In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit
lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr
tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die
Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die
Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!«
Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und
brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher
ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea
und der Löwe von Spanien mit allen Taten des
Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen
und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl
hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht
kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom
Pfarrer angetroffen wären.

Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon
aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte
und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so
wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte.
Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt
auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt
war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte:
»Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande
ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt
werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den
Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen
Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage
gewonnen haben.« -- »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,«
antwortete der Pfarrer, »Gott wird es
fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß
das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen
wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart
Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet
sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.«
-- »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber
gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der
Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem
Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus
Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger
Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will
nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir
nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe,
trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen
soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise,
denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will
ich schon auf Rache denken.«

Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen
ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem
alle seine Torheit bewunderten. In dieser
Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die
sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl
manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen
Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal
und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen
nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort,
daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen
müssen.

Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier
gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war,
das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen,
damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände,
weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung
aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß
ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt
habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit
ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch
Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen
Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da
fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend
von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die
Tür gewesen war und tastete mit den Händen und
blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges
Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume
Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin,
wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die
Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet
war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht
Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im
Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr,
denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«

»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern
ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben
Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist
waren; er stieg von einer Schlange ab, auf
der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer,
und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht,
aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum
Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und
als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte,
fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur
das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin,
daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen
wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher
Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und
des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man
nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte
sich den weisen Munnaton.«

»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don
Quijote.

»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin,
»ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name
endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don
Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer
Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine
Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß
ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit
einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und
ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern
vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele
Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm,
daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen
kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«

»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte,
»aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen
Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer,
ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt
herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu
kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher
nach Wolle geht und geschoren nach Hause
kömmt.«

»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten
Dinge sprichst du da! Bevor mich einer
scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart
dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges
meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm
nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet.
Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz
friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen,
daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren
werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige
Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem
Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete,
daß das, was der Welt am meisten vonnöten,
irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende
Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach
ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht,
denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr,
konnte er nicht mit ihm fertig werden.

In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem
Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden
Manne (wenn man nämlich den so nennen
kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen
Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so
sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß
der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn
und als sein Edelknabe zu dienen. Unter
andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für
ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn
es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen,
in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine
Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter
setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen
verließ Sancho Pansa (so hieß der
Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe
seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür,
Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete
ein andres, alles aber in eiliger Unordnung
und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen.
Er versah sich auch mit einem Schilde,
den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so
gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte
seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde,
wann er sich auf den Weg machen wolle, damit
dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor
allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack
mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu
vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen
wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht
die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem
Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er
überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters
entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise
beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger
kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet,
ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze,
ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er
Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter,
der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte
sich auch mit Hemden und andern Dingen,
dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben
hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen
sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und
Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und
Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei
sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten,
daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt
zu werden, wenn man sie auch aufsuchen
sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit
Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher,
indem er sich schon in seinen Gedanken als den
Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen
hatte.

Don Quijote war bemüht, dieselben Wege
wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten
Reise genommen hatte, und diese gingen über das
Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und
mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal
denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die
Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten
ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem
Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu,
daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen
der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern
und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte
Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund
Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte
der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu
Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen,
die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß
durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen
soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern,
denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis
ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst
und der bösen Tage und der noch bösern Nächte
überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines
Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von
irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie
groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich
leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich
innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre,
daran hängende in sich begreift, und es mag denn
zutreffen, daß du in dem einen von diesen als
König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches,
denn nach dem, was und wie alles den irrenden
Rittern begegnet, das man weder je gesehn
noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht
fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«

»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn
ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer
Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne
Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder
Infanten?«

»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don
Quijote.

»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie
es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf
die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins
davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein,
Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin,
Gräfin mag eher gehn, und auch das nur
mit Gottes Beistand.«

»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »der wird dir geben, was dir
am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht
so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der
Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«

»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,«
antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen
Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß,
was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich
ist.«




~Achtes Kapitel~

Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote
in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den
Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der
Aufbewahrung würdig


Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen,
die hier auf dem Felde standen, und sowie
sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben:
»Das Glück führt unsre Sache besser, als
wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund
Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr
ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu
halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu
nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den
Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist
ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst,
diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«

»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.

»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr,
»mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei
Meilen lang sind.«

»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho,
»daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen
sind, und was Ihr für die Arme haltet,
sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch
der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«

»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote,
»daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert
bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so
gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung
dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche
Schlacht mit ihnen beginne.«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante
die Sporen, ohne auf die Stimme seines
Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer
nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht
Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er
war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder
nach der Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte,
noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie
standen, nahe gekommen war, worauf er mit
lauter Stimme rief: »Entflieht nicht, ihr feigherzigen
und nieterträchtigen Kreaturen! ein einziger
Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.« Zugleich
erhob sich ein kleiner Wind, der die großen Flügel
in Bewegung setzte; als Don Quijote dies gewahr
ward, fuhr er fort: »Strecktet ihr auch mehr Arme
aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch
bezahlen!« Und indem er dies sagte und
sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea
empfahl, die er flehte, ihm in dieser Gefährlichkeit
zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der
Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante
im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los
und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel, den
der Wind so heftig herumdrehte, daß die Lanze
in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große
Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.

Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit
seines Esels herbei, und als er hinzu kam,
fand er, daß Don Quijote sich nicht rühren konnte,
so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan
hatte. »Gott steh uns bei!« sagte Sancho, »sagte
ich's Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehn möchtet,
was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären,
die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber
welche im Kopfe hat!« -- »Gib dich zur Ruhe,
Freund Sancho,« antwortete Don Quijote, »das ist
Kriegesglück, das am meisten von allen Dingen
einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr,
da ich glaube und es auch gewiß wahr ist, daß
eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und
meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese
Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm
ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die
Feindschaft, die er zu mir trägt! Aber endlich,
endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten
nichts gegen die Tugend meines Schwertes vermögen!«

»Gott mag es so fügen,« antwortete Sancho
Pansa, indem er sich bemühte ihn aufzurichten; worauf
er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder
ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie
sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten,
den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte
Don Quijote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer
geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über
den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und
indem er darüber mit seinem Edelknaben sprach,
sagte er: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben,
daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas
genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang,
er einen gewaltigen Zweig oder Ast von
einer Eiche riß und mit diesem an selbigem Tage
solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug,
daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm,
von welcher Begebenheit sich auch späterhin
seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten.
Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der
ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke,
der gerade so gewaltig ist wie jener, und mit welchem
ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn
gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu
auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge
von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben
können.«

»Das gebe Gott!« sagte Sancho, »ich glaube
auch alles, wie es Euer Gnaden da erzählt, aber
setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mich dünkt,
Ihr hängt so auf der Seite; das ist gewiß noch ein
Malzeichen von dem Falle.«

»Es ist wahr,« antwortete Don Quijote, »und
wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es
nur, weil es irrenden Rittern nicht ziemlich ist,
über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst
die Eingeweide hindurch kämen.«

»Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen
sagen,« antwortete Sancho, »aber das weiß Gott,
daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet,
falls es euch irgendwo weh tut; von mir kann ich
versichern, daß ich mich über den allerkleinsten
Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister
der irrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie
nicht klagen dürfen.«

Don Quijote mußte über die Einfalt seines
Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich
beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe,
denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil
in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho
sagte, er bemerke, daß es Zeit sei, zu essen. Sein
Herr erwiderte, daß er es noch nicht bedürfe, daß
er aber essen könne so viel er wolle. Mit dieser
Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so
bequem ein als er nur konnte; er nahm aus dem
Schnappsack was er hineingepackt hatte, und so
folgte er reitend und essend seinem Herrn eine
große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den
Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund
setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga
hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog
und die Schlückchen immer schneller wiederholte,
gedachte er keines Versprechens mehr, das
ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für
keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung,
herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen,
wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.

Sie mußten endlich die Nacht unter einigen
Bäumen zubringen, und von dem einen Baume
brach Don Quijote einen trocknen Zweig ab, der
ihm zur Lanze dienen sollte, an den er auch das
Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen
übrig geblieben war. Don Quijote schlief die ganze
Nacht hindurch nicht, sondern gedachte an seine Gebieterin
Dulzinea, um es nachzutun, was er in
seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf
viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten
und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen
unterhielten. Nicht also trieb es Sancho
Pansa, der, da er den Magen, und zwar mit
keinem Habersüppchen angefüllt hatte, die ganze
Nacht aus einem Stücke schlief und auch nachher
nicht erwacht wäre, wenn ihn sein Herr nicht
aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die
ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der
Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange
die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten
es nicht. Als er sich ermuntert hatte,
schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei
er ihn viel eingefallner fand als den Abend
vorher und sich von Herzen darüber betrübte,
weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege
seine Auszehrung würden heilen können. Don Quijote
begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie
schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten
hatte.

Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapize
zu, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang
entdeckten. »Hier,« rief Don Quijote, als
er ihn erblickte, »Bruder Sancho, hier können wir
die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das
tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm,
daß, wenn du mich auch in der allergrößten
Gefahr erblicken solltest, du doch niemalen die Hand
an den Degen legen sollst, um mich zu verteidigen,
außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom
Pöbel oder gemeinem Volke beleidigt würde, in
einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehn:
sind es aber Ritter, so ist es dir nach den
Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt,
mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen
bist.«

»Seid versichert, gnädiger Herr,« antwortete
Sancho, »daß ich Euch darinne pünktlich Gehorsam
leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich
nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge;
aber freilich, wenn einer meine eigne Person angreifen
wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen
nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze
erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn
ihm was zuleide geschieht.«

»Das leugne ich auch gar nicht,« antwortete Don
Quijote, »nur in dem Umstande, daß du mir nicht
gegen Ritter beistehn darfst, sollst du deine natürliche
Hitze bändigen.«

»Ich sage ja auch, daß ich es tun will,« antwortete
Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so
genau halten will wie den Sonntag.«

Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege
zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt,
die auf zwei Dromedaren ritten, denn viel kleiner
waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie
trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine
Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei
Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche
war, wie man nachher erfuhr, eine Biscajische
Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste,
der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien
ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich
dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don
Quijote gesehen, als er zu seinem Stallmeister
sagte: »Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das
berühmteste Abenteuer, das jemalen gesehen worden,
denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen,
mögen wohl sein und sind auch gewiß zwei Zauberer,
die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin
fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr
nach meinem vollen Vermögen zu steuern.«

»Das wird noch schlimmer gehen wie mit den
Windmühlen,« sagte Sancho, »seht, gnädiger Herr,
das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der
Kutsche sind wohl andere reisende Leute. Hört, was
ich sage, und seht was es ist, daß Euch der Teufel
nicht einen Irrtum macht.«

»Ich habe dir, Sancho, schon gesagt,« antwortete
Don Quijote, »daß du wenig von der Natur der
Abenteuer verstehst, was ich sage, ist Wahrheit, wie
du sogleich gewahr werden sollst.«

Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich
in die Mitte des Weges, den die Patres kamen,
und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen
konnten, sagte er mit lauter Stimme:

»Teuflisches und heidnisches Gesindel! Sogleich gebt
die erhabnen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt
in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid
gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer
Übeltaten zu empfangen!«

Die Patres hielten an und verwunderten sich
sowohl über Don Quijotes Gestalt, als auch über
seine Rede, welche sie also beantworteten: »Herr
Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern
zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre
Straße ziehen und nicht wissen, ob in jener Kutsche
mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder
nicht.«

»Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn
ich kenne euch Lügenbrut,« sprach Don Quijote;
und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte
er den Rosinante und griff mit solcher Wut und
Keckheit den vordersten Mönch mit eingesenkter
Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende
vom Maultier geworfen, er ihn übel von seiner
Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar
getötet hätte. Der zweite Mönch, da er inne ward,
wie man seinen Gefährten behandelte, stieß seine
Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers
und fing an, leichter als der Wind, über das Feld
zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der
Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel
ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider
auszuziehen. Die Jungen der beiden Mönche
kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen
auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses
rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die
sein Herr Don Quijote gewonnen habe. Die Jungen,
die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten,
was er mit der Beute und der Schlacht sagen wolle,
und Don Quijote weit ab von sich erblickten, der
mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho,
schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare
aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so
übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der
Erde liegenblieb. Ohne einen Augenblick zu warten,
stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesicht,
wieder auf sein Maultier und trabte, so wie
er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in
einer weiten Entfernung stillhielt und den Ausschlag
dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter
den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten
sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze,
als wenn ihnen der Teufel auf den Schultern wäre.

Don Quijote befand sich, wie schon gemeldet,
bei der Dame in der Kutsche und sagte: »Eure
Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit
ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten,
denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf dem Boden
gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines
Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den
Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß
ich Don Quijote von la Mancha bin, irrender Ritter
und Abenteurer, Gefangener der unvergleichlichen
und schönen Donna Dulzinea von Toboso; zum
Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen,
begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso
kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert
und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung
getan.«

Alles, was Don Quijote sagte, hörte ein Stallmeister,
der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein
Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den
Wagen nicht wollte fort lassen, wenn er nicht den
Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so
machte er sich an Don Quijote, und indem er die
Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen
und noch schlechteren biskayischen Sprache:
»Weg Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott,
an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich
so schlachten, als wärst du Biskayer!«

Don Quijote verstand seine Meinung wohl und
antwortete mit ungemeiner Ruhe: »Wärst du ein
Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für
deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt,
du dienender Sklave!«

Der Biskayer versetzte hierauf: »Ich kein Ritter?
Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ!
Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst
sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen;
Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann
zum Teufel und lügst, sagst du's anders!«

»Du wirst es plötzlich schauen, wie Agrages
sagt,« antwortete Don Quijote und zugleich warf
er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert,
legte den Schild vor und griff den Biskayer mit
dem Vorsatz an, ihm das Leben zu nehmen. Der
Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von
dem Maultier absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes
war, auf das er sich nicht verlassen
konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen
zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche
nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm
zum Schilde diente und nun gingen die beiden gegen
einander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen.
Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber
vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen
schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht
nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle
andern tot machen wollte, die ihn stören würden.
Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah,
erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas
beiseite zu fahren und so wollte sie von weitem
dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.

Zum Anbeginn gab der Biskayer dem Don
Quijote über der Schulter und über dem Schilde
einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild
nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den
Gürtel gespalten wäre. Don Quijote, der das Gewicht
dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit
lauter Stimme: »O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea!
Blume der Schönheit! Helft Eurem Ritter,
der Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich
in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!« Dies
sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem
Schild schirmen und auf den Biskayer zustürzen,
tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf
das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu
lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen
sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und
war willens, es eben wie Don Quijote zu machen.
Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt,
wobei er sein Maultier weder auf die eine noch
die andere Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit
und auch weil es an dergleichen Possen nicht
gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.

Also, wie gemeldet, rannte Don Quijote gegen
den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen
und mit dem Vorsatze, ihn mitten durchzuhauen.
Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert
geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle
Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich
aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit
denen sie sich beiderseits bedrohten; die Dame
in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen
Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend
Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus
einer so großen Gefahr erretten möge. -- -- --

Schade aber ist es, daß gerade bei dieser Stelle
der Autor abbricht und diesen Zweikampf mit der
Entschuldigung unausgemacht läßt, daß er nichts
weiteres von Don Quijotes Taten vorgefunden, als
was er bereits erzählt habe. Der zweite Autor
dieses Werkes konnte aber unmöglich glauben, daß
eine so treffliche Geschichte so ganz der Vergessenheit
soll überliefert sein oder daß die herrlichen
Köpfe in la Mancha so wenig Wißbegier haben
sollten, daß sich nicht noch in den Archiven oder in
einigen Schreibpulten Papiere vorfinden dürften,
die von diesem berühmten Ritter Meldung tun.
Diesen Gedanken nährte ich und hoffte demnach,
den Schluß dieser anmutigen Historie anzutreffen,
welches mir auch, unter Begünstigung des Himmels,
auf folgende Weise gelungen ist, die ich im zweiten
Teil erzählen will. --




~Zweites Buch~




~Erstes Kapitel~

Beschließt und endigt den gräßlichen Zweikampf, den
der wackere Biskayer und der tapfere
Manchaner hielten


Im ersten Teil dieser Historie verließen wir den
tapfern Biskayer und den berühmten Don Quijote
mit aufgehobenen blanken Schwertern, beabsichtigend,
zwei mörderische Hiebe zu geben, die, wenn
sie vollwichtig fielen, sie gewiß bis auf den Sattelknopf
teilen und zerspalten, und sie wie Granatäpfel
entzweischneiden mußten. In diesem furchtbaren
Moment stand die treffliche Geschichte still
und brach ab, ohne daß uns der Autor einige Nachricht
gegeben hätte, wo man das Mangelnde antreffen
könne.

Dies verursachte mir großen Verdruß, denn das
Vergnügen, das mir das Wenige gemacht hatte, verwandelte
sich in Mißvergnügen, wenn ich an die
Unannehmlichkeiten dachte, die ich würde überwinden
müssen, ehe ich die übrigen Stücke der herrlichen
Geschichte aufgefunden hätte. Denn es schien
mir unmöglich und ein Verstoß gegen alle guten
Sitten, daß einem so wackern Ritter ein Weiser
sollte gemangelt haben, der es auf sich genommen,
seine unerhörten Taten zu beschreiben; etwas, woran
es keinem irrenden Ritter gefehlt hat, von
denen, von welchen die Leute sagen, daß sie ihre
Abenteuer suchen; denn jeder von ihnen hatte einen
oder zwei Weisen in Bereitschaft, die nicht nur seine
Taten beschrieben, sondern auch seine kleinsten Gedanken
und Kindereien ausmalten, wenn sie auch
noch so verborgen gewesen waren. Diesem wackern
Ritter hätte also das Unglück nicht zustoßen müssen,
daß ihm etwas mangle, was selbst Platir und
andere ähnliche gehabt hatten. Ich konnte mich daher
nicht zu dem Glauben verstehen, daß eine so
brave Geschichte unvollendet und verstümmelt geblieben,
sondern ich schob die ganze Schuld auf die
Bosheit der gierigen und gefräßigen Zeit, die sie
verborgen hielt, oder sie verzehrt hätte.

Auf der andern Seite glaubte ich, daß da sich
unter seinen Büchern so neue, als die Entwirrung
der Eifersucht und die Nymphen und Schäfer von
Henares befanden, so müsse auch die Historie selber
neu sein und daß, wenn sie auch nicht geschrieben
existiere, sie doch in dem Gedächtnis der Leute seines
Dorfes und seiner Nachbarschaft leben müsse. Dieser
Gedanke war so lebhaft, daß ich Lust bekam, die
ganze und wahrhaftige Geschichte von dem Leben
und den Wunderwerken unsers berühmten spanischen
Don Quijote von la Mancha zu erforschen, des
Lichtes und Spiegels der Manchanischen Ritterschaft,
des ersten, der in unserm Jahrhundert, zu dieser
bedrängten Zeit sich der Beschwer und Tragung
irrender Waffen unterzog, um Unrecht zu vernichten,
den Witwen beizustehen, Jungfrauen zu
beschützen, die mit ihren Reitpeitschen auf ihren
Zeltern umherirrten und als vollkommene Jungfrauen
über Hügel, von Berg zu Berg, von Tal zu
Tal schweiften; die in den verflossenen Zeiten, wenn
sie nicht von einem Bösewicht, oder einem schändlichen
Hirten, oder unsittlichen Riesen bezwungen
wurden, noch nach achtzig Jahren, in welcher Zeit
sie nicht ein einzigmal unter einem Dache geschlafen
hatten, so unbefleckt in das Grab gelegt wurden,
wie die Mutter, die sie geboren hatte. Ich behaupte,
daß aus dieser Rücksicht, wie aus vielen anderen
Ursachen unser wackrer Don Quijote ewige und unvergängliche
Lobpreisungen verdiene; die Arbeit
und der Fleiß, die ich anwandte, um den Schluß
dieser angenehmen Geschichte zu finden, wurden
mir also zur Pflicht. Ich weiß aber wohl, daß,
wenn Himmel, Zufall und Glück mir nicht beigestanden
hätten, die Welt diesen Beschluß noch entbehren
würde und mit ihm soviel Zeitvertreib und
Belustigung, um wohl zwei Stunden auszufüllen,
wenn man aufmerksam liest. Ich fand aber diese
Geschichte auf folgende Weise.

Eines Tages war ich auf der Alcana zu Toledo,
da kam ein Junge mit alten Schreibbüchern und
Papieren, die er einem Seidenhändler verkaufen
wollte. Da es nun meine Leidenschaft ist, alles zu
lesen und wenn es auch zerrissene Papiere von der
Straße wären, so folgte ich auch hier meiner natürlichen
Neigung, nahm einige Blätter von denen, die
der Junge verkaufte, sah sie an und erkannte die
arabischen Lettern. Ich kannte nun zwar die Buchstaben,
konnte sie aber nicht lesen und sah mich
also um, ob ich nicht einen Morisken fände, der sie
mir läse. Es war auch nicht schwierig, einen solchen
Dolmetscher anzutreffen, denn man hätte dort wohl
welche für unverständlichere und ältere Sprachen
finden können. Kurz, der Zufall führte einen herbei,
gegen den ich meinen Wunsch äußerte und ihm
das Buch in die Hand gab; er schlug es in der
Mitte auf und als er ein wenig gelesen hatte, fing
er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache,
und er antwortete, über etwas, das in diesem Buche
als eine Bemerkung auf den Rand geschrieben sei.
Ich bat ihn, es mir zu sagen, und er, ohne sein
Lachen zu unterbrechen, sagte: »Hier steht, wie ich
gesagt habe, auf dem Rande geschrieben: Diese Dulzinea
von Toboso, die so oftmals in dieser Historie
genannt wird, hatte nach Berichten unter allen
Frauenzimmern in la Mancha die glücklichste Hand,
Schweinefleisch einzupökeln.«

Als ich Dulzinea von Toboso nennen hörte, war
ich erstaunt und überrascht, denn mir fiel sogleich
ein, daß dieses unnütze Papier wohl die Geschichte
des Don Quijote enthalten möchte. Mit diesen Gedanken
bat ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen,
er tat es, indem er sogleich das Arabische ins Kastilianische
übersetzte, folgendermaßen: Historia des
Don Quijote von la Mancha, geschrieben vom Cide
Hamete Benengeli, arabischem Historienschreiber. Es
war viel Verstand dazu nötig, um mein großes Vergnügen
zu verbergen, da ich den Titel des Buches
hörte; ich riß es dem Seidenhändler weg und kaufte
von dem Jungen alle die Blätter und alten Papiere
um einen halben Real, der, wenn er Verstand gehabt
hätte und gemerkt, wie lieb sie mir wären,
wohl sechs Realen dafür von mir hätte bekommen
können.

Sogleich ging ich mit dem Morisken durch das
Kloster der großen Kirche und trug ihm auf, die
ganze Makulatur zu übersetzen, was vom Don Quijote
handelte, in kastilianischer Sprache, ohne etwas
auszulassen noch hinzuzufügen, wobei ich fragte,
wieviel Bezahlung er dafür verlange. Er war mit
fünfzig Pfund Rosinen und zwei Scheffel Weizen
zufrieden und versprach alles gut, getreu und schnell
zu übersetzen. Um aber den Handel zu erleichtern
und meinen guten Fund nicht aus den Händen zu
geben, nahm ich den Mohren zu mir ins Haus, wo
er in ungefähr einem und einem halben Monat
alles so übersetzte, wie man es hier findet.

Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht
mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt,
sie standen in derselben Stellung, wie sie die
Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser
mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt;
zugleich war das Maultier des Biskayers
so täuschend abgebildet, daß man es auf einen
Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte.
Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben,
Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich
sein Name war, unter Rosinantes Füßen
war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don
Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig
abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen,
mit einem so hervorstehenden Rückgrad
und einem so anständigen Betragen, daß er beim
Beschauen bewies, wie passend und mit welcher
Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei.
Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am
Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein
Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und
wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat
einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und
sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den
Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide
Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden.
Ich könnte noch einige andere Abweichungen
anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine
tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag,
sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in
ein helleres Licht setzt.

Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit
nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser
ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich
sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr
unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß
manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies
scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn
wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen
des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte,
geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber
hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger
Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau
sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz
noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe
dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten,
deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin
der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen,
Beispiel und Rat des Gegenwärtigen,
Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man
nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen
Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin
mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld
an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem
Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der
Übersetzung folgendermaßen an. -- -- --

Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter
der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer,
die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu
dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und
ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war
der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend
ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs
gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend
war, dem edlen Mute und allen künftigen
Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen;
aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte,
drehte das Schwert seines Gegners, so daß
es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter
keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze
Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege
einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des
Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen
Gekrach auf die Erde stürzte und eine
Strecke weit wegflog.

Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut
genügend zu beschreiben, die das Herz unseres
Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah!
Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der
Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob,
das Schwert mit beiden Händen faßte und
damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet
jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert
war, trotz diesem herrlichen Schirme der
Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus
der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und
er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen,
auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den
Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die
Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das
Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht,
lief übers Feld und warf seinen Herrn mit
wenigen Kapriolen auf den Boden.

Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies
alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom
Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die
Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle,
sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen
solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein
da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre
ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind,
wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin
mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten,
herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten,
ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und
ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.

Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster
und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen,
bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die
Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß
dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe
Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen
Donna Dulzinea zu präsentieren,
damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten
möge.«

Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne
sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen
oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen,
versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen
werde, was man ihm gebiete. -- »So sei es denn
im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein
Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden
sein kann.«




~Zweites Kapitel~

Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho
Pansa, seinem Stallmeister


Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den
die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er
hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam
zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet,
daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen
lassen möge, über welche er ihn, seinem
Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne.
Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war
und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen
wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu
halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf
er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte
sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr
Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der
Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen
Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich
fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz
einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert
hat.«

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend,
Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche,
keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer
sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene
Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld,
es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht
nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr
eintragen sollen.«

Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die
Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen
Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem
Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der
Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes
Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe
seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß
er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut
zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don
Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an,
bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf,
als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut,
Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn
da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen
habt, so ist er imstande, alles der heiligen
Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben
die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig
der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns
wieder herauslassen.«

»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann
hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender
Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er
auch tausend Homizidien begangen hätte.«

»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete
Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf
keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die
heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich
auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich
nichts an.«

»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete
Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der
Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten
wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl
einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen
bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den
Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen
hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr
Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit
zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«

»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß
ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich
kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich
behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als
Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht
gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit
nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt
habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu
kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut,
ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im
Schnappsack.«

»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn
ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von
dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem
einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin
ersparen.«

»Was für eine Flasche und was für ein Balsam
ist das?« fragte Sancho Pansa.

»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von
welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so
beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu
fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu
besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige
und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu
tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten
durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet),
die Hälfte des Körpers, die auf den Boden
gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe
das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im
Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und
gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei
Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und
du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein
Fisch.«

»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich
mich der Regierung der versprochenen Insel begeben,
und ich verlange zum Lohn meiner vielen
und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr
mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes
mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze
wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr
brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und
lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen,
ob es ihn zu machen viel kosten wird.«

»Mit weniger als für drei Realen kannst du
drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.

»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht
Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«

»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote,
»noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch
größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt
wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr
schmerzt mich mehr als ich es sage.«

Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und
Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm
verdorben war, wollte er unsinnig werden; er
legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen
zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim
Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien,
wo sie am umständlichsten geschrieben
stehen, eben das Leben zu führen, welches der
große Marquis von Mantua führte, als er schwur,
den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches
darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit
seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen
Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die
ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige
Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf
erwiesen.«

Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt,
mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der
Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich
hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von
Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan
hat, was ihm zukömmt, und also keine andere
Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen
begeht.«

»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete
Don Quijote, »ich vernichte also den Eid,
insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber
ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte
Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem
Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser
ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses
vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich
das nach, was sich in Ansehung des Helmes
des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar
war.«

»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese
Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit
zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen!
Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen
Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen
Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen
wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit
und Drückendes hat, wie in den Kleidern
zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren,
nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem
Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis
von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in
Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr,
daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten
Männer reisen, die gar keine Helme tragen,
ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen
Helm haben nennen hören.«

»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote,
»denn nicht zwei Stunden werden wir auf den
Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen,
als nach Albraca kamen, um Angelika,
die schöne, zu entsetzen.«

»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho,
»und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und
daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen,
die mir so köstlich ist; dann will ich
sterben.«

»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls
unbekümmert sein darfst, denn wenn uns
auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die
Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir
wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und
die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf
dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses
der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem
Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen
wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese
Nacht herbergen und den Balsam machen können,
von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir
zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«

Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig
Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und
sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für
einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind
schicken.«

»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don
Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der
irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate
nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das,
was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon
versichert sein, wenn du so viele Historien wie
ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge
habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden,
daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es
sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett
anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen
Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich
wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne
die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten,
denn sie waren eben solche Menschen wie wir es
sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die
meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden,
und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß
ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen
Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben
anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir
etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die
Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus
ihren Angeln heben willst.«

»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte
Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder
lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum
keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich
will aber künftig den Schnappsack mit aller Art
von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr
ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin,
will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die
kernigter und gewichtiger sind.«

»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don
Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien,
nichts als die Früchte zu essen, von denen du da
sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt
darin und in etlichen Kräutern bestand, die
sie im Felde fanden und kannten und welche ich
ebenfalls kenne.«

»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit
solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir
vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen,
wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft
Nutzen zu ziehen.«

Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte
und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da
sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo
sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten
sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit.
Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um
noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen;
aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter,
das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei
einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden,
bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war
sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht
hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter
freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte
durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht
mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine
Ritterschaft beweisen könne.




~Drittes Kapitel~

Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten
begegnete


Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig
aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich
tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt
hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken
Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel
kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch
zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie
ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu
führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt,
daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf
der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald
ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die
beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig
war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich
ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden,
nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten
Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge
niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote
setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher
herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als
ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit
du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft
mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind,
die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen,
damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet
und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite
und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt,
daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch
dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus
meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke.
Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche
sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie
alle Dinge gleich macht.«

»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß
Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was
Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für
mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser
zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die
Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und
Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne
Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten,
wenn ich nur langsam kauen soll, wenig
trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen
muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die
Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit
der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger
Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt,
da ich ein Diener und Zubehör der irrenden
Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber
in was anderes verwandeln, das mir bequemer und
nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für
empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in
Ewigkeit.«

»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der
Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und
zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit
Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen
von diesem Rotwelsch der Edelknaben und
irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und
beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende
Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.

Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht
legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln,
wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war,
als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn
war auch nicht müßig, denn es ging häufig
herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer
an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden
preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.

Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll
Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete
hierauf seinen Mund zu folgenden Worten:
»O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem
unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten,
nicht weil man damals das Gold, welches
in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in
jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann,
sondern weil unter denen, die damals lebten, die
beiden Wörter mein und dein unbekannt waren.
In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein,
keiner durfte für seinen gewöhnlichen
Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken,
um sie von den starken Eichen zu pflücken,
die einladend und freigebig die süße und gesunde
Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer
und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen
Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum
Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen
bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren
Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur
Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen
Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung
des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her,
womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen
ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit
des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe,
Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des
gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen
Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und
zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von
allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was
zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder
diente. Damals schweiften die einfältigen und
schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel
zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter
bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die
Tugend damals und immer zu verhüllen geboten
hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt
geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig
zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne
Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der
sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt
unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen,
die der sinnende Müßiggang erzeugt.
Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der
werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und
suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um
köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit
waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt.
Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit,
weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu
irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen.
Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter,
denn keiner richtete damals und keiner wurde
gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie
schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich
selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und
keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und
aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber
in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend
sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth
verborgen und verschlossen hielte: denn auch
dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte,
listerfüllte Begier hinein und vereitelt
und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit
wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der
anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter
begründet, um Jungfrauen zu verteidigen,
Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen
beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr
Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme
und den freundlichen Willkommen danke, welche sie
mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich
das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet,
den irrenden Rittern freundlich zu sein, so
habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen,
aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich
Euch um so mehr.«

Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte
unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn
die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter
erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten
diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm,
ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und
Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still,
aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten
Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten,
an einen Korkbaum gehängt hatten.

Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war
vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte
nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen
könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch
gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so
wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen
machen, daß einer von unseren Kameraden singen
soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer,
klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein
lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant
auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher
wünschen kann.«

Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man
den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch
der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr
zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden
Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon
zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja.
Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte,
sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio,
den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser
Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und
hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen.
Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt,
und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir
als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen
die Freude und spiele und singe die Romanze,
die dir dein Oheim gemacht hat und die
dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« -- »Sehr gern,«
sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu
lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen
Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich
mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:

~Antonio~.

Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst,
Wenn du kein einziges Wörtchen sagst --
Mir nicht einmal ein Blickchen gibst,
Der Liebe stummredende Sprache.

Ich weiß, daß du ein verständiges Kind,
Daß du mich liebst, macht's wieder kund,
Der weiß, wie der andre ihm gesinnt
Macht ja immer den glücklichsten Bund.

Oft freilich, wollt' es sich weisen
Olalla, deutlich genug,
Daß wohl deine Seele von Eisen --
Von Stein deine milchweiße Brust.

Aber sie alle ja deine Reden,
Die Worte, womit du mich strafst,
Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden,
Die lallten mir Trost zu im Schlaf.

Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen,
Kam meine Liebe dir immer zurück,
Sie verminderte niemals dein Keifen,
Sie vermehrte kein freundlicher Blick.

Wenn Liebe wohl immer ist artig,
Und artig bist du gewiß,
So tröst' ich mich, Monate wart' ich
Und endlich doch liebest du mich.

Wenn Dienste es können bezeugen
Daß man im Herzen gerührt,
So will ich nicht alle verschweigen,
Die ich für dich ausgeführt.

Denn, wenn du geachtet so weit,
So hast du mich oftmals gesehn
In meinem schön' Sonntagskleid
Am Montage selber noch gehn.

Es gehn ja das Putzen und Liebe
Wohl immer Hand in Hand,
Und daß ich dir angenehm bliebe
Drum habe so viel aufgewandt.

Dir zuliebe so laß ich das Tanzen,
Musizieren und auch Reimerei,
Da ich sonst immer gesungen
Schon vom ersten Hahnengeschrei.

Unerwähnt, wie die Lippen dich loben,
Wie schön und trefflich du bist,
Daß manch andre deshalben toben
Wenn alles auch Wahrheit ist.

So wollte Therese von Berrocal
Als ich dich lobte, mich strafen.
Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal,
Er denkt's, ja er liebt einen Affen!

Das machen die Bänder, die bunten,
Die falschen Haar' auf dem Kopf,
Ist keine Schönheit dadrunten,
Sie machen die Liebe zum Tropf.

Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig,
Da trat ihr Vetter ihr bei,
Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne,
Was er tat, was ich tat dabei.

Zum Spaße will ich nicht hofieren,
Ich diene dir nimmer darum
Daß ich dich möchte verführen,
Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.

Ein Joch hat die heilige Kirche,
Für mich nur ein Faden von Seiden,
Gefällt dir's da drinne zu wallen,
So folg' ich mit zehntausend Freuden.

Tust du's nicht, so schwört es dir heilig
Dein treuster und herzlichster Diener,
Aus den Bergen entflieh ich hier eilig,
Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!


Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don
Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho
Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr
daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte
also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich
nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen
wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten
Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die
Nacht mit Singen hinzubringen.«

»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche
beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf
als durch Musik verlangen.«

»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,«
antwortete Sancho.

»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote;
»suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von
meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei
alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn
du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es
schmerzt mich mehr als billig.«

Sancho tat, was er befahl, da aber einer von
den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er,
es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen.
Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien,
der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit
etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er
versicherte, daß es nun keiner andern Medizin
brauche, wie es sich auch befand.




~Viertes Kapitel~

Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft
erzählte


Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen,
die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu
und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im
Dorfe los ist?« -- »Wie sollen wir es wissen?«
sagte einer von den andern. -- »Nun, so will ich
euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute
früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus
gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus
Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben,
der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in
Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«

»Für die Marcella!« rief der eine aus.

»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt,
»und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem
Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem
Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar
am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den
Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle
zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr
dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher
sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht
zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein
guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der
sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie
müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen
habe und nichts dürfe fehlen, und darüber
ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber
sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen,
was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine
Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er
nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich
glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich
wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn
ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«

»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten,
»und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben
und alle Ziegen hüten soll.«

»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr
braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich
will für euch alle hierbleiben; und das ist keine
Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre,
sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich
mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht
laufen kann.«

»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete
Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der
Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte:
»Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines
reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von
unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele
Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in
sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig
gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe
er die Wissenschaft von den Sternen inne und was
dort am Himmel Sonne und Mond machten, und
buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von
Sonne und Mond vorher.«

»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht
Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert
werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro,
ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so
in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen,
ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«

»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,«
rief Don Quijote.

»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das
ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's
erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr
reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten
alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr
sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen
säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute
Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät
kein Tropfen.«

»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte
Don Quijote.

»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete
Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte
und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate
vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen
war, als er eines Tages mit einem Male
als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem
Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug,
war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer
sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren
sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen,
Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene
ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen,
so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen
Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für
die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe
hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß
sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe
die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer
angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten
es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf
diese närrische Abänderung verfallen wären. Um
die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus
gestorben, und er erbte von ihm einen
Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke
und eine ziemliche Menge von großem und
kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über
das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er
verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle,
mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten
Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein
mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er
seine Tracht verändert hatte, und es war nichts
anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin
Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher
genannt hat und in die sich der arme gestorbene
Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch
auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es
wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht,
gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures
Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr
als Ysop erleben solltet.«

»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es
nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die
Namen verstümmelte.

»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro
aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn
wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«

»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don
Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied
zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen;
aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn
Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt
nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun
nicht weiter unterbrechen.«

»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der
Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer,
der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus
und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst
seinem vielen und großen Vermögen auch eine
Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter
starb, die wohl das herrlichste Weib war hier
weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht
vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne
und auf der andern der Mond stand, und dabei
war sie so arbeitsam und gegen die Armen so
mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt
jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus
Gram über den Tod einer solchen braven Frau
starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge
und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht
eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist.
Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir
immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein
schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die
Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es
auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn
Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht
Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen
hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie
bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen
und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von
ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß
deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht
nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen
in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen
der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde,
daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber,
der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie
auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre
hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung
tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor
Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen
des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe.
Und wahrlich, das wird zum Lobe des
braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt.
Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man
in kleinen Dörfern über alles spricht und über
alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es
für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz
erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder
dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends
auf dem Lande.«

»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote;
»aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und
Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«

»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß
alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist
die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der
Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften
eines jeden auseinandersetzte, der sie zur
Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und
daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte.
Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch
nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und
unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies
schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der
Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete
darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich
dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen
möchte. Denn er behauptete, und das mit
Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren
Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages,
als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige
Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an
ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu
kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen
Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre
Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde
und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es
sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte,
Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus
anlegten und ihr durch die Felder nachzogen.
Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war
unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie
nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß
aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer
so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei
sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht
steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn
erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur
etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht
so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr
dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner
gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können,
daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben
hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen
aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft
und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie
geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis
irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt,
und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten
sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt
sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und
mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande
mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche,
denn ihre Freundlichkeit und Schönheit
zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an,
und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie
in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts
weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme
die Grausame und Undankbare nennen, nebst
anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für
ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn
Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten
wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge
und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen,
die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein
Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen;
davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der
Name Marzella gegraben und geschrieben wäre;
zum Überfluß haben einige noch eine Krone in
denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber
ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß
Marzella unter allen schönen Mädchen allein die
Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein
Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt
man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle
Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am
Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne
daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre
Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am
Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre
Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen
in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden
auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken
dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und
über diesen und jenen sowie über jene und diese
triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle,
die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet,
was aus ihrem Übermute werden soll und wer
der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche
Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit
genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt
habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß
ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom
Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch
auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der
Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu
sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der
Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe
Meile von hier.«

»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don
Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen,
welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen
Geschichte gemacht habt.«

»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die
Hälfte von alledem, was den Liebhabern der
Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber
morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles
sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr
Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die
freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich
bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger
Zufall mehr zu befürchten ist.«

Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen
Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat
seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte
möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte
den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an
seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener
Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es
sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem
und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter,
sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte
erlitten hatte.




~Fünftes Kapitel~

Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella
beschlossen, nebst anderen Begebenheiten


Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des
Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden,
Don Quijote ermunterten und ihm sagten,
daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne,
wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis
des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der
es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich
zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit
vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den
Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile
fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern
zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad
kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen
und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte
in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme,
und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu
Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei
Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie
zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer
fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich
erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten,
worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer
von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter
sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß
die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei,
um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches
wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den
Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen
sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig
sein muß.«

»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo,
»und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern
wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«

Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella
und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf
der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen
Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt
habe, aus welcher sie in Trauerkleidern
gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von
der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella
erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie
bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus
nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz,
er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von
Pedro gehört hatte.

Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein
andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte,
fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf
diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land
zöge.

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe,
welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere
Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und
Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen,
aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast
werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die
irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger
mich zu den niedrigsten zähle.«

Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn
auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu
sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit
sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen
irrenden Rittern?«

»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote,
»die Annalen und Historien von England gelesen?,
in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus
erzählt werden, den wir in unserer Sprache
gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem
eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien
geht, daß er nicht gestorben, sondern
durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei,
und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren,
seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen
werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener
Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet
hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde
der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde
gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel,
die vom Don Lanzarote vom See mit der
Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin
und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona
war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm
Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:

Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen süß,
Wie der große Lanzarote
Da er einst Bretagna ließ.

Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von
seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt.
Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft
und erstreckte sich durch viele und verschiedene
Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt
und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen
Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen
der tapfere Felixmarte von Hircania und
der niemals genug gepriesene Tirante der Weise,
und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir
ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und
wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese,
meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn
beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den
auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten
lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben
suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden
Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß
meinen Arm und meine Person der größten
Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir
nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen
zuschicken kann.«

Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends,
daß es Don Quijote am Verstande fehle, so
wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit
er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten
wie alle diejenigen, die dies an ihm zum
ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger
Mann und von fröhlichem Temperament
war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm
zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle
hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch
mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher:
»Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner
Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen,
die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube,
daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen
Stand haben.«

»So strenge mag hingehen,« antwortete unser
Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen
die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen
Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen
soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns
ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann,
der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen,
die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom
Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und
Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten
es mit der Stärke unseres Armes und mit den
Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache
bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den
fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und
dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind
wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch
den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und
alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht,
nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung
gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen,
welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr
Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher
Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht
sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken,
daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm
sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich
will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger
und beschwerlicher, hungriger und durstiger,
elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich
zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im
Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren
haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich
durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern
emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit
Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen,
die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise
beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre
Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten
Hoffnungen vereitelt sein.«

»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der
Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein
Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich
mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein
großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen,
in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr
erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht
dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem
guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren
unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame
so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott
wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem
Heidentume.«

»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses
darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden
Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen
übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch
und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der
irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat
unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd
und liebevoll die Augen auf sie heftet, als
flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge
in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt;
ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine
Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen
und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon
auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt
werden. Damit aber muß man nicht glauben,
daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen
sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen,
dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe
des Werkes verrichten.«

»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe
ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals
gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von
einer und der andern Seite der Zorn entbrennt,
sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes
zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du
nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander
losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen.
Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß
der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der
Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere
auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich
nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich
nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll,
sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott
zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die
Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame
empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ
eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies
glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen
haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht
alle sind verliebt.«

»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote.
»Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden
Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es
so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem
Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß
es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter
ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen
geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter,
sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die
Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die
Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber
und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«

»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube
ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß
Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von
Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er
sich empfehlen konnte, und doch ward er darum
nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus
mannhafter und berühmter Ritter.«

Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein
Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,
um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser
Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen
Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber
dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte.
Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß
er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren
hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich,
empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr
geheimnisvoller Ritter zu sein.«

»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der
irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so
kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da
Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun
also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin,
so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte
ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft
und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft
und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie
muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt,
daß sie von einem so vorzüglichen Ritter,
wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«

Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer
und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr,
der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt
erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel
sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren,
daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso,
ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens
Prinzessin sein, da sie meine Königin und
Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich,
denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen
und erträumten Schönheitsideale, die die
Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist
golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre
Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen,
ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen,
Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor
die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der
Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem
menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung
so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen
köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«

»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft
wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.

Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt
nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen
Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den
Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes
von Katalonien, ebensowenig von den
Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas,
Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones,
Urreas, Foces und Gurreas von Arragon;
den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans
von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses
von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de
la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten
Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren
edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere
man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung
geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen
der Waffen des Orlando schrieb:

Keiner soll sie berühren,
Der sich nicht unterfängt
Mit Roldan Streit zu führen.«

»Mein Stamm ist von den Cachopines von
Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe
mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von
la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit
gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals
zu Ohren gekommen.«

»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don
Quijote.

Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der
beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und
selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an
unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes.
Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte,
für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf
gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von
Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals
hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin
etwas gehört, so nahe er auch an Toboso
lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen,
als sie zwischen dem Risse von zwei hohen
Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in
Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen
von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs
von ihnen gingen unter einer Trage, die mit
mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war.
Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte
er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus
tragen und am Fuße des Felsens, da ist die
Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«

Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und
sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die
Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen
mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite
eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte
sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle,
die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre,
auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie
ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig
Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines
schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um
ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und
viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle
Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten,
beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von
den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius,
ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich
Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles
buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem
Testament verordnet hat.«

»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh,
wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier
die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er
mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin
des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst
seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er
von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung,
wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben
Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun
als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der
ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«

Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und
die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam,
edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen
betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel
mit seinen reichsten Geschenken geschmückt
hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus,
der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten
im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit,
ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne
Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein
zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die
den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite
in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte
und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt,
er flehte zu einer Unmenschlichen, seine
Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den
tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er
diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung
gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine
Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine
Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen
wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen
leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen,
die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie
dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der
Erde überliefert ist.«

»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und
grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener
Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig,
einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle
Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals
gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung
dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der
göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl.
Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam
Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt
Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit
zu übergeben, wenn er es im Unwillen
so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr
es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr,
daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer
das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe,
damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur
Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund
zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen
sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und
unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft
zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie
wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden
befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt
sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der
Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe
und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel
erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen
Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem
sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren
wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben
werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen
wir unsere gerade Straße, um das mit Augen
zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt
hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und
des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich
wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens
bitte ich dich dringend darum, diese Papiere
nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu
überlassen.«

Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten,
streckte er die Hand aus und faßte einige,
die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius
sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr
die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt,
aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht,
daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.«
Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere
enthielten, schlug eins davon auf und sah die
Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius
das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte,
was der Unglückselige geschrieben hat, und damit
Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset
dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit
dem Grabe fertig werden.«

»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da
die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten
sie sich um ihn und er las mit lauter
Stimme folgendes Gedicht ab.




~Sechstes Kapitel~

Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst
anderen unverhofften Begebenheiten


Gedicht des Chrysostomus

Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden,
Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme,
Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,

Zur Hölle selbst will ich die Wege finden,
Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme,
Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.

Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen,
Mein Leiden, deine Taten zu besingen,
Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden,
Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden,
Im armen Busen seufzend widerklingen.

So höre denn, und lausche meinen Tönen,
Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen,
So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen,
Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer,
Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --

Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen,
Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen
Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen

Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen
Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen
Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:

Gegirr der Witwentauben in den Klausen,
Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde
Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne
Der gattenlosen Eule, Klagetöne
Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.

O klingt, und helft mir meine Klagen weinen,
Daß alle sich zu einem Ton vereinen,
In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen,
Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden,
Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --

Nie schallten noch so laute Klagen wider
Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen,
Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:

Doch tönten dort so viele Jammerlieder
Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen,
In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:

Einsame, sichre Tale, o ihr weiten
Einöden, die kein Menschenfuß versehret;
Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze,
Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze,
Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:

Du Widerhall in diesen Wüsteneien,
Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien,
Von ihrem unerhörten harten Sinne,
Daß ihn die ganze weite Welt erkundet,
Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --

Verachtung tötet, durch des Argwohns herben
Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren;
Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:

Der Liebende muß an der Trennung sterben:
Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren,
Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.

Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen;
Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben,
Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet
Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret:
Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.

Und unter allen Martern läßt das Hoffen
Mir nach dem Lichte keine Spalte offen:
Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören;
Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich
Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --

Wer kann zugleich in einem Augenblicke
Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren!
Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!

Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke,
Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren,
Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?

Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet,
Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen?
Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen,
Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen?
Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?

Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet:
Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet;
Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände.
Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget
Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --

Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen,
Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben,
Und meinen festen Glauben fester fassen.

Ich sehe dich für einen andern glühen,
Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben,
Der niemals noch sein altes Reich verlassen:

Ich sage, ja, du magst mich immer hassen,
So wie dein Körper schön, ist deine Seele,
Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden,
Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden,
Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.

Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben
Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben
So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten,
Das Grab empfange Körper dann und Seele,
Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --

O du, die wortelos in dem Verachten
Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen,
Daß ich im Blute meines Herzens wüte:

Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten,
Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen,
Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:

Rührt dich mein früher Tod, o so behüte
Den hellen Himmel deiner süßen Blicke,
Daß keine Träne ihren Schimmer trübe,
Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe,
Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.

Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen,
Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen.
Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben,
Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme,
Daß du so früh geendiget mein Leben. --

So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen,
Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade,
O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,

Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden
Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade,
Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.

Verbunden dann mit den Verdammten lasse
Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide
Vereinen sie sich all mit mir im Singen,
Dem Körper Totenopfer darzubringen,
Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.

Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet,
Und tausend andre Larven aufgetürmet,
Sie heulen dann die trauervollen Chöre,
Genug dem Liebenden, im Gram gestorben,
Denn er verdient nicht größre Totenehre. --

Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte,
Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte,
Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke
Von der, die nur beseligt wird durch Jammer,
Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --

Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus,
worauf der, welcher es vorgelesen, sagte,
daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas
Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen
schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht,
Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen
den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.

Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten
Gedanken seines Freundes bekannt waren:
»Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte,
müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche
dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt
war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt,
um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche
Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende
von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen
Zweifeln erschüttert werden, so wurde
auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem
Argwohn gequält, die er nicht für
Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der
Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die
Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist
sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei
ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden
kann.«

»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem
er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das
er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine
seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn
wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet
ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze
des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde,
erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die
Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde.
Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten
sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren
Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen
die Augen auf sie, wie diejenigen, denen
der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius
erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens
ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher
Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob
deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses
Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit
das Leben raubte? Oder kömmst du, um
über deine grausamen Taten zu triumphieren?
Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines
angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend
den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen,
wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius
tat? Sage nur schnell, was du willst oder
welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß,
wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir
dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen,
und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch
willfahren.«

»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius,
führt mich her,« antwortete Marzella,
»sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir
die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben,
zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit
entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind,
aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel
Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um
meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen.
Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[
und so, daß ihr, ohne weitere bewegende
Ursache, mich meiner Schönheit wegen
liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie
ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu
lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott
mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig
ist; aber das ist mir unverständlich, wie die,
weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben,
der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar
fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich
ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt
es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du
schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich
häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche
Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die
Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn
nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen
das Auge, lassen aber den Willen frei: denn
machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie
den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener
Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu
finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig
die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig
müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man
mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so
sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn
dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr
meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus
keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es
sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der
Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet
hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch
beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies
erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit
nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne
Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen
hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist,
daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet
hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir
aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn
die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem
Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes
keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen
fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck
der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei,
niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun
von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele
schmücken und verschönen kann: warum soll die,
welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren,
dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine
Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und
List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu
leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die
Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die
hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen
Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken
und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der
Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein
Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine
Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen
nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung
weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben,
so daß man sagen kann, er sei an seinem
Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben.
Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich
waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern
müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem
Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird,
mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich
ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist,
in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die
Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume
meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun
auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung
seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln
wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem
Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich
ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine
Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren
Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte
meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er
verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward:
wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines
Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage,
der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging,
der rede laut, um den ich klagte, der höhne
mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich
grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche,
ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere.
Bisher hat es der Himmel über mich noch
nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der
Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist
Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen
von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich
bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn
einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und
Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem
Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese
Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer
mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie
vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar
nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich
heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge
mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare,
Grausame, diese Unerkenntliche wird
keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft
wünschen und auf keine Weise keinem folgen.
Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus
töteten, warum wird meine Ehre und
Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in
Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich
wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht,
daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr
wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre
nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt
mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse
keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich
nicht um den andern, scherze nicht mit diesem,
lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft
sind die Hirtenmädchen dieser Gegend,
meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine
Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen
beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es
nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen,
den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer
ersten Heimat zurückkehrt.«

Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um,
ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich
in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie
alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit
entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den
Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen
Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken,
ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung
auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies
bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier
trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten
Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen
und sagte mit lauter und verständlicher Stimme:
»Niemand, von was Stand und Würden er auch
sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen,
bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu
erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden
Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine
Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie
fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer
Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht,
daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie
als das Edelste in der Welt schätze und verehre,
denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die
mit so edlen Vorsätzen lebt.«

Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder
des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles,
was er seinem wackeren Freunde schuldig sei,
noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle
gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner
entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht,
die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt,
sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle
Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem
großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf
dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius
folgende Inschrift wollte eingraben lassen:

Hier liegt ein Opfer der Liebe;
Ein Schäfer vom Gefilde,
Der Grausamkeit zu milde,
Ihn tötete Mißliebe.

Er starb dem mächt'gen Triebe
Zur undankbaren Schönen,
Die durch Verschmähen, Verhöhnen
Ihn tötete mit Liebe.

Über das Grab wurden dann viele Blumen und
Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius,
indem sie ihm wegen seines Freundes einen
Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten
Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote
trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden,
die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen,
einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem
sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse
stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote
bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche
Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt
noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle
diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern
gereinigt habe, mit denen sie angefüllt
sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß
hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern
nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen
ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es
ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über
die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus,
als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser
war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen
und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten.
Es kam aber nicht so, wie er es dachte,
wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften
Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen
wird. --




~Drittes Buch~




~Erstes Kapitel~

Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches
Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche
Yangueser traf


Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don
Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen
übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus
gegenwärtig waren, Abschied genommen,
sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch
wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren
hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend
nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu
finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches
Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer
Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen
sie hier in der Hitze der Mittagsstunde
auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don
Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den
Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem
schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den
Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich
und ohne Zeremonien miteinander, was sie
darin antrafen.

Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden,
denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen
Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten
von der Weide von Cordova nicht von dem Wege
Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der
Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß
ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch
das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln
Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und
Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don
Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr
willkommen.

In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich
mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er
witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine
sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem
Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen
Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen.
Diesen aber war mehr an der Weide als an
anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also
mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den
Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand.
Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß
die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren
Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn
mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den
Boden stürzte.

Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung
des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst
herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich
gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine
Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes
Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb
wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich
wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die
er unter unsern Augen erlitten hat.«

»Was Teufel können wir für Rache nehmen?«
antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann,
und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur
anderthalb.«

»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote,
zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den
Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat
Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt
und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote
dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter
drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die
vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen
gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren
Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte
hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und
Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon
mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem
Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote,
ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten
konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante
nieder, der sich noch nicht hatte aufheben
können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig
die Wirkung von Krippenstangen in den Händen
erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug
und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die
Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer
in schlechtem Zustande und noch schlechterem
Humore liegen.

Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa,
der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand,
mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr
Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«

»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don
Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.

»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete
Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei
Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten,
wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht
ist er für zerschlagene Knochen nicht minder
als für Wunden nützlich.«

»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße,
was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber
ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters,
Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen,
wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will
ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«

»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho
Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen
wir weder gehen noch stehen können?«

»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte
der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die
Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber
ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht
gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen,
die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich
glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die
Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der
Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt
würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses
für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für
unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du
nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns
eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis
ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs
wieder tun, sondern greife du sogleich nach
deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust;
kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich
dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen,
denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen,
wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern
Armes erstrecke.«

So eingebildet war der arme Mann auf die
Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho
Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht
so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger
Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger
Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn
ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen
muß; lasse es sich der gnädige Herr also
ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht,
daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde,
so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter,
indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit
verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist,
oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte,
erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann
von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder
Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung
auszuschließen.«

Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich
wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne
große Beschwer reden zu können, und daß sich der
Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich
dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du
dich befindest. So antworte mir doch darauf, du
feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns
bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile
dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß
wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer
der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe?
Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und
dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur
Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest,
du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch
so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes
Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu
verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten
Reichen und Provinzen die Gemüter der
Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich
auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn
sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas
unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern
und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil
zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue
Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen
und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen
oder sich dagegen zu beschützen.«

»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete
Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand
und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen,
aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich
bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre.
Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt,
so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es
freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste
Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte
so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt
ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl
wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht
lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein
Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das
denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten
Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so
bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln
folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden
müssen?«

»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen
Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem
Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die
Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse,
und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß
meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen
Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen
verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn
augenblicklich sterben.«

Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger
Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft
ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten
oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen
Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube,
daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die
dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach
seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«

»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote,
»daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren
und Unglücksfällen unterworfen ist, und
durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu
Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung
an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen
hat, deren Geschichte ich umständlich weiß,
wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte,
wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß
durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe
emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher
oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal
gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von
Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des
Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit
erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert
Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben
habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe
festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger
Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus
in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse
Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet
habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen
Abgrund an Händen und Füßen gefesselt
worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier
nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches
ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser
großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund
zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter
schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl
mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf,
den sie erduldeten, war noch härter, als
den wir heute haben aushalten müssen; überdies,
Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden
nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten
erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat,
auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen
Worten: schlägt ein Schuster einen andern
mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann
von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt
sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz
erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den
Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe
zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft
wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten
und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts
weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger
von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte
eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«

»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete
Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte
ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten
sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch
schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und
mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß
mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob
mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind
oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von
den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse
wie meinen Schultern eingedrückt haben.«

»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa,
daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht
verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht
vertilgt.«

»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück
geben könnte, als solches, wobei man warten
muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht.
Wäre unser Unglück doch lieber von der Art,
daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten,
das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß
alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen
würden, um uns wieder zurechtzubringen.«

»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner
Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote,
»und so will ich ebenfalls tun, damit wir
nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß
der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks
genossen hat.«

»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete
Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender
Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß
der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen
ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten
müssen.«

»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine
Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte
Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses
Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann,
damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem
ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese
Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere
mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus,
Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes
des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert
Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen
Esel ritt und saß.«

»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da
erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein
großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder
wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«

Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden,
die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre,
aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte
nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt,
erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege
mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen
Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt
und wir aus diesem einsamen Walde kommen
mögen.«

»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen
hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden
Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und
Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres,
daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«

»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann
sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind;
und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem
Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen
Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch
aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte,
und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel
nannte und auf dem Felsen Armut wohnte,
ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch,
denn hierin ist die Erzählung nicht genau,
weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis
Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte.
Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe
dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante
zustößt.«

»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und
mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen
und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen
über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er
Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein
Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich
war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit
zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls,
bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages,
ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie
zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen
können, gewiß nicht hinter Sancho oder
seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho
packte Don Quijote über den Esel, an dessen
Schweif er den Rosinante band; er selber führte den
Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den
Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche
Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus
dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer
kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem
sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach
Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho
bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote
nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange,
bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn
Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel
hineinzog.




~Zweites Kapitel~

Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete,
die er für ein Kastell hielt


Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem
Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle.
Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er
von einem Felsen herunter einen Fall getan habe,
wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen
wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so
wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie
war von Natur mitleidig und es dauerte sie das
Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich
über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und
ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem
Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen.
In derselben Schenke diente eine asturianische
Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf,
platter Nase, einem schiefen und einem nicht
ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden
durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe
von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht
ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern
zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den
Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte
wieder die Tochter, und beide besorgten dem
Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die,
wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen
Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren;
hier wohnte zugleich ein Eseltreiber,
dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas
entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln
und Decken seiner Maultiere bestand, doch das
Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches
auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über
welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf
diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine
Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man
nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß
sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für
Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher
aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden
man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte
zählen können, wenn man sich die Mühe hätte
geben wollen.

In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don
Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit
ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten,
indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die
Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die
Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig
war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von
Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren
es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte
viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen
Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid
doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch
einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie
werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch
ziemlich weh tut.«

»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl
auch einen Fall getan haben?«

»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von
dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen
sah, tut mir der ganze Körper so weh, als
wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«

»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn
mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme
herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen
könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume
erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre
ich wirklich heruntergefallen.«

»Da liegt der Hund begraben,« antwortete
Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern
wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau
wurde als mein Herr Don Quijote.«

»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische
Maritorne.

»Don Quijote von la Mancha,« antwortete
Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter,
und der beste und kräftigste, den man wohl seit
lange in der Welt gesehen hat.«

»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die
Magd.

»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr
das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So
wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder
Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken
geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist
er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur
auf Erden und morgen hat er zwei oder drei
Kronen von Königreichen zu verschenken, die er
seinem Stallmeister geben kann.«

»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so
gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß
Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft
im Besitz habt?«

»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho,
»denn es ist noch nicht länger als einen Monat,
daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis
jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch
geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und
ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß,
wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung
oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht
davon einen Schaden zurück behalte, ich meine
Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien
vertausche.«

Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr
aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er
sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und
sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch
glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell
meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich
mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil
Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister
erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich
sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen,
ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange
ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken
und hätten die hohen Himmelsmächte es
doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren
Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen
Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne,
untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener
schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens
sein dürften.«

Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und
die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten
des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig
verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen
hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle
als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein
sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht
gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten
sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als
die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten
sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten
und gingen dann fort; die asturische Maritorne
sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit
ebensosehr bedurfte als sein Herr.

Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden,
daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen
wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß,
sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft
eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte
und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es
war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein
so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch
ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn
sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es
sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke
zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes
Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.

Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige
Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte
des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte
sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine
schilfene Matte war und eine Decke, die eher das
Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von
Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers,
wie schon gesagt, aus den Sätteln und
dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet,
deren er zwölf hatte, die spiegelblank,
dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer
der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor
dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders
erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen
wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist,
daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger
und in allen Dingen überaus gründlicher
Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten
erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten
Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht.
Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein
Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer
so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß
sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus
Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten
Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal
sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie
der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem
die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt
werden, denn diese haben gründlich und ausführlich
geschrieben.

Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein
Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben
hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und
erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon
war Sancho bepflastert und im Bett, aber der
Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht,
einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz
die Augen weit offen, wie ein Hase. In der
ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch
kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in
der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese
nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser
Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern
seines Unglückes, in den Gedanken hatte,
bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten,
auf die nur eine Einbildung verfallen
kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr
berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon
gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein,
in denen er herbergte), und daß die Tochter des
Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle
sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt
und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen
ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu
schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen.
Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste
Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen
und über den gefährlichen Kampf zu sinnen,
den seine Keuschheit zu bestehen haben würde,
doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit
gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen,
wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra
mit ihrer Dame Quintannona darbieten
sollten.

Indem er noch über diesen Gedanken brütete,
kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde),
die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie
schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter
einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte,
wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem
Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum
zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte,
sich im Bette, trotz seiner Pflaster und
den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die
Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau
zu empfangen, die leise und schüchtern mit
den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand
zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote,
der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und
sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang,
sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald
das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch
der feinste und zarteste Zindel schien. Um die
Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz
köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die
Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren
ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren
Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem,
der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch,
war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem
Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit
allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern
die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden
hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten
Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem
übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der
arme Mann war auch so verblendet, daß weder
die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge,
die die edle Jungfrau an sich hatte und die
jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt
hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt
sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart
bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser
Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden
können, schöne und erhabene Dame, um für eine
so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den
Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen
wollen: aber das Glück, welches nie müde wird,
die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager
geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert
liege, so daß, wenn ich auch gesonnen
wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir
unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit
kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die
versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen
Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen
Beherrscherin meiner innigsten Gedanken.
Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich
als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt
ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches
Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen
wollen.«

Maritorne war voller Verdruß und schwitzte,
sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und
ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden
acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich
von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den
seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine
Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten
war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte,
aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die
Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging
er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen,
auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren,
hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht
war, sich loszumachen und daß Don Quijote
arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß
sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ
einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere
Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er
ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit
noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und
trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller
Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach
war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die
hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten,
sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern
der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte,
daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie
ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben.
In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht
an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch
vernommen hatte. Als die Magd ihren
Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete,
kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho
Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte
und in ein Knäuel drückte.

Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du,
Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.«
Indem ward Sancho munter und da er die Last auf
sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und
schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei
er Maritornen nicht selten traf. Als diese den
Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren
und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück,
daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde.
Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu
wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich
nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und
die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche
Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom
Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung
seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte
dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat
der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die
Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein
den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun
im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die
Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug
der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die
Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt,
und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander,
daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem
kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des
Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so
unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm
hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.

Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke
ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen
alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das
ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete
er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat
im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im
Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der
heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf,
war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem
zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und
ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand
seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!«
Da er aber sah, daß der, den er festhielt,
nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für
tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder;
in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme:
»Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt,
denn hier ist ein Mensch umgebracht!«

Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ
den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als
er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach
seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln,
die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur
die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho
konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie
lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don
Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher
zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte
die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein
Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach
dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit
und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.




~Drittes Kapitel~

Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten,
die den braven Don Quijote und seinen wackern
Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem
Unglück für ein Kastell ansah


Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner
Betäubung erholt und mit demselben Ton der
Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen
Stallmeister angerufen hatte, als er von den
Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er
auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du?
Schläfst du, Freund Sancho?«

»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete
Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es
ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich
alle Teufel über mich hergemacht hätten.«

»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete
Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle
Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein
verzaubertes ist, denn du mußt erfahren -- -- --
Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen
werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode
aufbewahren willst.«

»Ich schwöre,« antwortete Sancho.

»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort,
»weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand
zu kränken.«

»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete
Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden
tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es
morgen schon entdecken dürfte.«

»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem
Leben eine so nahe Grenze steckt?«

»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern
es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben,
und es ist immer mein Wunsch, daß sie
von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«

»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß
ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du
mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines
der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich
wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit
wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die
Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die
zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen
Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von
den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen
Verstande? Was von anderen verborgenen
Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen
vergraben lasse, um die Treue nicht zu
brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von
Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen,
daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches
das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder
vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil,
wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es
geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten
Gesprächen begriffen war, ohne daß ich
sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine
Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen
angehörte und mir einen solchen Schlag auf den
Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf
ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich
weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber
der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die
Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst.
Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz
dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten
Mohren bewacht und mir nicht zugedacht
ist.«

»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn
über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt,
daß das mit den Krippenstangen
nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt
mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches
Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen
haben, was man uns gereicht hat? Euer
Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt
doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in
den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten
Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt
habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück
auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender
Ritter und denke es auch niemals zu sein, und
doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«

»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don
Quijote.

»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?«
rief Sancho.

»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete
Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen
Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen
ganz gesund machen soll.«

Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet
und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen
Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho
hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um
den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich
widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn:
»Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte
Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen
will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«

»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete
Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich
vor niemand blicken.«

»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich
fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern
bezeugen.«

»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte
Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein
hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten
Mohren zu halten.«

Der Häscher kam näher, und da er die beiden in
einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll
Erstaunen still. Don Quijote lag aber immer noch
mit aufgerecktem Gesicht da, weil er sich, so zerschlagen
er war, nicht regen oder bewegen konnte.
Der Häscher ging also zu ihm und sagte: »Nun, wie
steht's, mein guter Kerl?«

»Ich würde mich anständiger ausdrücken,« erwiderte
Don Quijote, »wenn ich an Eurer Stelle
wäre. Spricht man hier zu Lande so mit irrenden
Rittern, Ihr Lümmel?«

Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden
Menschen so schlecht behandeln sah, verlor
die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an
Don Quijotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem
Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich
wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: »Ganz gewiß,
gnädiger Herr, ist dieses der verzauberte
Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für
uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.«

»So ist es,« antwortete Don Quijote, »und es
ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu
tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu
ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare
Phantome, so daß wir an ihnen durchaus
keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch
schaffen wollten; besser ist es, Sancho, du stehst auf,
wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten
dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein,
Salz und Rosmarien, um den heiligen Balsam zu
verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt
gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die
mir das Gespenst geschlagen hat.«

Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich
Sancho und ging im Finstern hinaus, er begegnete
dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit
seinem Feinde ablaufen würde, zu diesem sagte
Sancho: »Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut
und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarien,
Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der
besten irrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund
zu machen, der dort im Bette schwer verwundet
liegt, von den Händen des verzauberten Mohren,
der in dieser Schenke umgeht.«

Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen
Unsinnigen, da es aber schon anfing, Tag zu werden,
machte er die Tür der Schenke auf und rief
den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen
Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das
Verlangte und Sancho ging zu Don Quijote zurück,
der den Kopf auf den Händen stützte und sich über
den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein
anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt
hatte, denn was er für Blut hielt, war nur
Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen
des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun
sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum
machte, indem er sie zusammentat und eine gute
Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die
gehörige Tüchtigkeit erreicht hatten. Er forderte
alsbald eine Flasche, um den Trank hineinzugießen,
da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß
er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu
tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein
Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis
wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave
Marias, Salves und Credos und bei jedem Worte
machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete;
bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der
Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber
war stillschweigend fortgegangen, um seine
Tiere abzufüttern.

Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er
gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen
Balsams probieren, er trank also das übriggebliebene
aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen
können und es war wohl ein Viertel Quart in dem
Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum
getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel,
daß er nichts im Magen behielt, und durch
diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in
einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man
ihn zudecken und alleinlassen solle. Sie taten es
und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte
und sich so stark fühlte und seine Schmerzen
so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und
wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des
Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht
alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch
noch so gefährlich, bestehen könne.

Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen
besser fand, bat um das, was noch im
Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war.
Don Quijote bewilligte ihm dieses und er ergriff
mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den
Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel
als sein Herr hinunter. Der Magen des armen
Sancho mußte aber von schwächerer Reizbarkeit
sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen,
wobei er schwitzte und sich quälte,
daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte
Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig
wurde und den Balsam und den Totschläger, der
ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quijote
dies sah, sagte er: »Ich glaube, Sancho, daß
dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum
Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung,
daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes
bedienen dürfe.«

»Wenn Ihr das wußtet,« versetzte Sancho, »warum
in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten
lassen?« Indem fing der Balsam an zu wirken und
der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde
aus beiden Kanälen mit solcher Eile, daß weder die
Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit
dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht
werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmungen
und Martern, daß nicht bloß er, sondern
alle übrigen dachten, sein Leben ginge zu
Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte
ungefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie
sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet
war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte.
Don Quijote aber, der sich wie gesagt, gesund und
kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer
aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er
zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und
die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes
bedürften, vorzüglich da er nun, auf seinen
Balsam vertrauend, um so sicherer zum Werke
schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben,
sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte
das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf
anziehen half und ihn dann auf den Esel setzte.
Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine
Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die
ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen,
die in der Schenke waren, standen umher
und sahen ihm zu; unter diesen befand sich auch die
Tochter des Wirtes, von der er auch wieder kein
Auge verwandte und von Zeit zu Zeit einen Seufzer,
schwer wie aus dem Innersten seines Leibes
heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb,
weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens
dachten so diejenigen, die ihn am vorigen
Abend hatten bepflastern sehen.

Als sie nun beide beritten waren, rief er am
Tor der Schenke den Wirt herbei und sagte mit
feierlicher und ernster Stimme: »Viel und groß
sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich
in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine
Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar
zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich
an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr
erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit
sich führt, den Schwachen beizustehen, die zu rächen,
die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen.
Sammelt Euer Gedächtnis und wenn Ihr ein Ding
der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt,
so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft,
den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und
Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.«

Mit ebender Feierlichkeit antwortete der Wirt:
»Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß
Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn
ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die
Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer
Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu
und den Hafer für die beiden Bestien, sowie das
Abendessen und die Betten.«

»Dieses ist also eine Schenke?« antwortete Don
Quijote.

»Und eine sehr vorzügliche,« antwortete der
Wirt.

»So habe ich mich also bisher getäuscht,« erwiderte
Don Quijote, »denn wahrlich, ich dachte,
es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil
es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so
kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr
die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann
unmöglich dem Orden der irrenden Ritter zuwiderhandeln,
von denen ich gewiß weiß (denn bisher
habe ich noch nirgends das Gegenteil gelesen), daß
sie niemals ihre Herberge oder andere Dinge in den
Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz
wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet
zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten,
denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag
Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu
Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und
Kälte erlitten und allen Unfreundlichkeiten des
Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen
waren.«

»Alles das kümmert mich nicht,« versetzte der
Wirt, »bezahlt, was Ihr schuldig seid und geht mir
mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem
Krame gar nichts, sondern ich will das meinige
haben.«

»Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!«
antwortete Don Quijote und gab dem Rosinante
die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke
hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber,
ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge,
entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt,
der ihn ohne bezahlt zu haben, wegreiten sah,
wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen,
der aber die Antwort gab, daß, da sein
Herr nicht habe bezahlen wollen, er solches auch
nicht zu tun begehre, er sei der Stallmeister eines
irrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn
derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in
den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu
bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm,
daß, falls er nicht bezahle, er ihn so mahnen
wolle, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte,
daß kraft der Ritterschaft, der sein Herr
zugetan sei, er nicht einen Heller bezahlen würde,
wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn
durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche
Gebrauch der irrenden Ritter verlorengehen,
und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich
niemals über ihn beklagen oder ihm einen so gerechten
Vorwurf machen dürfen.

Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho
fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in
der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia,
drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und
zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges,
aufgewecktes und ebenso boshaftes und schadenfrohes
Volk, die, wie von einem Geiste zugleich
angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel
hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte,
sie ihn darauflegten und dann die Augen in
die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die
Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten,
zu niedrig sei, sie entschlossen sich also, in den Hof
zu gehen, der nur vom Himmel beschränkt wurde.
Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen
ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie
man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel
zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub
ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines
Herrn drang, der sogleich still hielt um aufmerksam
hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm
ein neues Abenteuer bevorstehen, bis er bemerkte,
daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister
sei. Sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen
Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen
fand; er umkreiste sie also, um einen Eingang zu
finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam,
die nicht sonderlich hoch waren, sah er das üble
Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen
wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut
und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen,
daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn
sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er
machte also den Versuch, vom Pferde auf die
Mauer zu steigen, aber er war so schwach und
steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen
konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die
Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und
Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich
niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im
Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch
ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er
bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte;
alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie
aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also
seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten
ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige
Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich,
ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen,
das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit
es umso frischer sei. Sancho nahm den Becher und
führte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen
seines Herrn inne, welcher schrie: »Sohn Sancho,
trink kein Wasser, mein Sohn, trink's nicht, es
bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam
(wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit
zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund
und frisch!«

Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die
Schulter an und sagte unter andern härteren
Redensarten: »Ihr habt wohl schon wieder vergessen,
daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt
wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien
soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind?
Behaltet Euren Trank in Teufels Namen und laßt
mich!« -- Und indem er diese Worte noch sprach,
fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim
ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte
er keine Lust, fortzufahren, sondern er bat Maritorne,
ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem
Willen tat und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte,
denn man kann mit Recht von ihr sagen,
daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren
und Schatten vom Christentum behalten hatte.

Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen
Esel in die Seite und sowie das Tor der Schenke
aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden,
daß er noch nichts bezahlt und seinen
Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten
seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern
geschehen war. Der Wirt behielt freilich als
Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück,
aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt.
Der Wirt wollte, als er hinaus war, das
Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht
zu, denn diese waren Leute, die den Don Quijote,
wenn er auch wirklich ein irrender Ritter von der
Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei
Dreier achteten.




~Viertes Kapitel~

Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa
mit seinem Gebieter Don Quijote führte, nebst anderen
Abenteuern, die der Erzählung würdig sind


Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem
Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten
konnte. Als ihn Don Quijote sah, sagte er: »Jetzt
bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß
jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß,
denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk
mit dir machten, was können sie wohl sein als Gespenster
und Wesen aus einer andern Welt! Was
mich hierin bestätigt, ist dieses, daß, da ich außerhalb
der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie
zusah, es mir nicht möglich war, die Mauer
zu besteigen oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben,
weil sie mich gleichfalls bezaubert
hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre,
hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben
können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß
diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes
gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze
der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie
ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß
ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert
ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines
Lebens und seiner Person oder im dringendsten
Falle der Not tut.«

»Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter
oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht im
Stande: dabei aber glaube ich immer noch, daß
die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster
oder verzauberte Menschen waren, wie
Euer Gnaden sagten, sondern Menschen von Fleisch
und Bein wie wir, denn ich habe sie auch alle
als sie mich in die Luft schmissen bei ihrem Namen
nennen hören; so hieß der eine Peter Martin, der
andere Tenario Hernandez und der Wirt Hans Palomeque
der Linksche: so, gnädiger Herr, seid Ihr
auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht
auf die Hofmauer kommen oder nicht vom Pferde
heruntersteigen konntet, sondern was ich davon
halte, ist, daß wenn wir weiter so nach Abenteuern
herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute
Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht
wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das
Klügste und Beste wäre nach meinem Verstande,
jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserem
Dorfe zurückzugehen und nicht so von Hinz nach
Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehen.«

»Wie wenig verstehst du, Sancho,« antwortete
Don Quijote, »von den Elementen der Ritterschaft!
Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du
es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll
es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so
sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen,
läßt sich der Freude irgend etwas anderes
vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt
oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich,
nichts anderes kommt diesem bei.«

»Das mag wohl sein,« antwortete Sancho, »doch
kann ich's nicht begreifen; ich begreife nur das,
daß seit wir irrende Ritter sind oder vielmehr
Ihr es seid, denn ich darf mich nicht zu so trefflichen
Herren rechnen, wir noch keine einzige
Schlacht gewonnen haben, außer die mit dem Biskayer,
und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre
und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat
es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe
gegeben; ich bin zum Überschuß noch geprellt und
obendrein von verzauberten Personen, an denen
ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen,
über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie
Ihr es nennt.«

»Dieses ist es, was mich verdrießt und was
dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho,« antwortete
Don Quijote; »aber ich will von nun an streben,
mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben,
daß derjenige, der es führt, keiner Art
von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück
kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände
spielen, als er sich den Ritter des brennenden
Schwertes nannte. Dieses Schwert war eines der
trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen
kann, denn außer obengenannter Tugend schnitt es
so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung,
so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte
ihm Widerstand leisten.«

»Ich bin ein Glückskind,« sagte Sancho, »daß,
wenn sich's nun auch so schickt und Eure Gnaden
ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder
wie der Balsam für einen geschlagenen Ritter was
taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual
daran erlebt.«

»Fürchte dieses nicht, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir
meinen.«

Unter diesen Gesprächen zog Don Quijote mit
seinem Schildknappen fort, als Don Quijote mit
einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte,
die ihm auf seinem Wege entgegenzog;
sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho
und sagte: »Dieses ist der Tag, o mein Sancho, an
welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal
aufbewahrt hat; dieses ist der Tag, sage ich dir, an
dem sich mehr als an irgendeinem andern die
Tapferkeit meines Armes kund geben wird, an
welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den
Büchern des Ruhmes für alle künftigen Jahrhunderte
eingeschrieben werden sollen. Siehst du
jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt?
Ein unzähliges Heer erregt sie, welches aus verschiedenen
und zahlreichen Völkern geworben, uns
von dort entgegenzieht.«

»So müssen es zwei sein,« sagte Sancho, »denn
von der anderen Seite steigt eben ein solcher großer
Staub auf.«

Don Quijote drehte sich um und sah, daß es
wahr sei, worüber er sich sehr erfreute, denn er
war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die
hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der
großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in
jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit,
Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und
Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern
gelesen hatte, und alles, was er sprach, dachte und
tat, schloß sich diesen Dingen an: die Staubwolken,
die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen
und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei
verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so
bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehen konnte;
Don Quijote aber behauptete so kräftig, daß es
Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehen
glaubte und nur fragte: »Was sollen wir aber
dabei tun? gnädiger Herr!«

»Was?« rief Don Quijote aus, »den Unterdrückten
und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du
mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von
dort entgegenziehen, unter Anführung und Kommando
des großen Kaisers Alifanfaron stehen,
Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber,
der hinter mir kömmt, ist sein Feind, der König der
Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten
Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm
in die Schlachten zu ziehen gewohnt ist.«

»Warum sind sich aber diese Herren so böse?«
fragte Sancho.

»Sie sind sich deshalb böse,« antwortete Don
Quijote, »jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide,
dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt,
die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige
Dame und eine Christin ist; ihr Vater will sie
aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er
nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten
Mahomed entsagt und den unsrigen annimmt.«

»Bei meinem Vater,« sagte Sancho, »Pentapolin
tut recht und ich will ihm dazu helfen, soviel in
meinen Kräften steht.«

»So sprichst du, wie du sollst, Sancho,« sagte Don
Quijote, »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen,
braucht man den Ritterschlag nicht erhalten
zu haben.«

»Das trifft sich ja gut,« antwortete Sancho,
»aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn
wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn
so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehen,
ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?«

»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »was du
mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück
laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder
nicht, denn sobald wir nun Überwinder sind,
werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten,
daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen
ein anderes Roß vertauscht zu werden. Nun sei
aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten
Ritter kenntlich machen, die sich in diesen
beiden Heeren befinden; damit du sie aber besser
sehen und bemerken kannst, so wollen wir uns
auf diese Anhöhe zurückziehen, von wo aus wir
beide Heere genau beobachten können.«

Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen
Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don
Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen
können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben,
sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten.
Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles,
was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun
mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den
du in gelber Rüstung siehst und der in seinem
Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den
Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere
Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke.
Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen
bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne
Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog
von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur
Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran
von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien,
der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und
als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt,
von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß,
als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen
Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal
auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe
jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten
Timonel von Carcajona, Herrn des neuen
Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen
Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb;
in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im
hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift,
nämlich Miau, als den Anfang des Namens
seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die
Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien.
Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren
Rosses belastet und dessen Rüstung so
weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von
französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr
der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen
Fersen in die Seiten des bunten und gewandten
Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der
ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom
Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein
Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück
wächst nach.« --

So nannte er noch viele Ritter von einer wie
von der andern Schwadron, die er sich einbildete;
allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen,
Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus
dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er
fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes
mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen
Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind
die, welche die süßen Gewässer des berühmten
Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen
Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und
reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten,
die, welche die berühmten und frischen Wasser des
klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen
nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden
Pactolus zu sich leiten, die Numidier
dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die
Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther
und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber,
deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die
eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren
Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen
Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren
Namen ich mich aber nicht erinnere. -- In jener
Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen
Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer,
die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen,
goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen
Wasser des göttlichen Genil genießen, die
die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen,
diejenigen, die sich auf den himmlischen
Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner
dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet,
Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen,
die sich im Pisuenga baden, berühmt
wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre
Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten
Guadiana weiden, dessen verborgener
Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der
beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen
Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz,
alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in
sich faßt und begreift.«

Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er
noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er
jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden
Attribute erteilte, trunken und entzückt
von dem, was er in seinen lügenhaften
Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über
diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen;
er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und
her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr
aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus
keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol
mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder
Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist,
wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß
wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den
Gespenstern vorige Nacht.«

»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote,
»hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der
Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«

»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho,
»als Blöken von Schafen und Hammeln.« -- Und
dies war es auch, denn die beiden Herden waren
nun ziemlich nahe gekommen.

»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote,
»macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch
hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht
besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und
dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als
sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit,
so abseitige dich und laß mich allein, denn
allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu
verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit
diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen,
faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er
wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter.
Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein
gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott,
Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen
wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit
willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja
kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung,
weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue
Felder, noch der Teufel und seine Großmutter.
Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge
vor?«

Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern
rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr
Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen
Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel
streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie
leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von
Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach,
stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein
und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen,
als wenn er wirklich mit Todfeinden zu
kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die
Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also
verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit
nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern
und begannen seine Ohren mit Steinen wie die
Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte
sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er
sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du,
stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein
einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann
deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen
kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen
Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte
eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die
Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er
diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot
oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes,
nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und
fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er
hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm
nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und
traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß
sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier
Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei
Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So
heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite,
daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom
Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei
und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten;
sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden
die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben
beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas
anderes abzuwarten.

In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem
Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß
sich den Bart aus, indem er die Stunde und den
Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft
gemacht hatte. Da er nun sah, daß er
auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen,
stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand
ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er
noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte
ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr
halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet,
keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«

»So hat sie der Schelm von Weisen, mein
Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen,
Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist,
alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser
Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den
Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht
erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine
Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht,
so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit
du deines Irrtums los werdest und merkest, wie
ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und
reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß,
sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie
ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel
mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht,
wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne
dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und
Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und
Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte
ich keinen einzigen im Munde behalten.«

Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die
Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah,
indem der Balsam schon im Magen Don
Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an
ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß
er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er
in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen
Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter
Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen?
Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet,
denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.«
Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe,
Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut,
sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er
ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger
Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er
seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie
Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem
Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen,
sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da
er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand
zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm
sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und
nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen
Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der
versprochenen Insel verlieren sollte.

Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke
Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer
noch weh taten, mit der anderen faßte er die
Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite
seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön
war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister,
der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und
die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie
ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken
ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so
gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse,
Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein
anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer;
alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise,
daß sich das Wetter bald aufheitern muß und
daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen,
denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück
immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück
überstanden, das Glück uns nahe sein muß.
Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten,
die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«

»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn
der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich
in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute
mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört
wohl einem anderen als mir?«

»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don
Quijote.

»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.

»Auf die Weise haben wir heute nichts zu
essen,« erwiderte Don Quijote.

»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier
auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg
wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt,
mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche
irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«

»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre
mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering
viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides
beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor
Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier,
Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott,
der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen,
da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem
Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der
Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen
der Flut; seine Güte läßt die Sonne über
Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten
und Ungerechten.«

»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum
Prediger als zum irrenden Ritter.«

»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles
und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote,
»denn ein irrender Ritter aus den verflossenen
Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit
gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem
Felde halten können, so gut, als wenn er auf der
Universität Paris den Gradus empfangen hätte:
woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die
Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«

»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete
Sancho, »wir wollen weiter und für die
Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge
uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher
und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte
Mohren, denn wenn das wieder kömmt,
so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«

»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote,
»und nimm du selbst den Weg, welchen du
willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in
Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir
aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie
viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der
Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«

Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam
und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten
Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«

»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote,
»alle vollständig und gesund.«

»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete
Sancho.

»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don
Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn
habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen
lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder
Flüssen ausgefallen.«

»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho,
»habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in
der oberen aber keinen halben und keinen ganzen,
denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«

»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm
sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte,
»ich hätte lieber einen Arm hingegeben,
nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du
mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne
ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn
ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber
allem diesen sind die unterworfen, die wir uns
zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also
steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich
will dem Wege folgen, den du aussuchst.«

Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er
eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen,
auf dem er sich eben befand. So zogen sie
langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte
Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu
eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung
und Ergötzung zu verursachen, und unter
anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was
man im folgenden Kapitel erzählen wird.




~Fünftes Kapitel~

Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn
führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam
begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten


«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle,
die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß
eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen
den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn
Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt,
auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit
der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen
Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun
geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem
Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag,
denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«

»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war
meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls
vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du
mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen
hat. Aber ich will es wieder gut machen,
denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle
Dinge Mittel.«

»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?«
fragte Sancho.

»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen
hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich
einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung
gesichert, es mag nun aber sein oder
nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu
denken.«

»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so
trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso
wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster
wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß
zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch,
wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«

Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel
sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen
Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen
möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor
Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war
ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden
und um ihr Unglück vollständig zu
machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der
Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die
Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis
herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg
fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei
Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie
sich auf dem großen Wege befanden.

Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der
Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise
lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße
eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die
Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak,
indem er es bemerkte und dem Don Quijote
war es nicht ganz unheimlich; jener zog den
Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes
an und so standen sie beide und schauten aufmerksam
hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen,
wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie
immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen.
Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie
Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten
sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe;
er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne
Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und
furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein
wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«

»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho,
»wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht,
wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen,
um alles auszuhalten?«

»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don
Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß
sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie
jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil
ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber
jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich,
soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte
ausholen kann.«

»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und
kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,«
sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei
sein oder nicht?«

»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote,
»so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu
fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie
ich dieses Unternehmen anfassen will.«

»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte
Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite
des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen,
was das doch mit den wandernden Lichtern
sein möchte und so entdeckten sie nach und nach
viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren
fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den
letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte,
als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein
Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte,
in welchem sie die Gegenstände genauer
erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl
zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden
Fackeln in den Händen, hinter denen eine
Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere
Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören
bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt,
denn daß es keine Pferde waren, sah
man an dem langsamen Gange; die in den weißen
Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher
Stimme.

Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde
und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend,
das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen,
auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote
gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho
schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen
war: der Gebieter aber ermunterte sich bald,
der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete,
wie dieses eines von den Abenteuern aus
seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken
die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher
sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände,
den zu rächen ihm allein vorbehalten sei:
er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein,
setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann
mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des
Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei
mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe
genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter,
wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer
ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer
derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt,
denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht
entweder verübt oder erlitten und es geziemt
sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch
für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen
oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an
euch verübt.«

»Wir haben Eile«, antwortete einer von den
Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß
wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft
zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein
Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort
wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden,
er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und
seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich
verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.«
Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als
es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte
und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf.
Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen
sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der,
schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte,
die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten
angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun
machte er sich an die übrigen, und es war eine
Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff
und auf sie einhieb, so daß es schien, als
wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel
gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät
war sein Betragen. Die in den Hemden
waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen
also sogleich ohne Widerstand den Kampf
und flüchteten mit den brennenden Fackeln über
das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als
wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen
Nacht aufführen wollten. So konnten sich
auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und
Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht
zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don
Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm
erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle
hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für
den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um
den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre
mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung
der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte
bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer
und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende
Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote
zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem
Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die
Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er
sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen
solle; worauf der Liegende antwortete:
»Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann
mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich
bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher
Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr
würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen,
denn ich bin ein Lizentiat und habe die
ersten Orden.«

»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte
Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«

»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene,
»sondern mein Unstern.«

»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,«
sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf
meine anfängliche Frage genug tut.«

»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten
genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also
müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei
Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und
Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und
komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit
ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir
wollen nach der Stadt Segovia und führen einen
Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter,
der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und
dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis
nach Segovia führen, in welcher
Stadt er geboren ist.«

»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don
Quijote.

»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers,
welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.

»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der
Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod
zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte;
da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat,
so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und
die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn
er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr,
müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter
aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen
Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen,
um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden
abzuhelfen.«

»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen
heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was
mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil
ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit
meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die
Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht
darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen
habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen
wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir
ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird
zu stehen kommen.«

»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote,
»geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr
Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so
durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und
den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder
schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse
Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben
konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch
anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn
ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß
Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür
ich Euch ansah und hielt.«

»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen
hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich
nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der
mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch
unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine
Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«

»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,«
antwortete Don Quijote, »warum wartet
Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?«
Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen
möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen
nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen
Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn
trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten.
Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel
und stopfte so viel er nur mochte und konnte
in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier,
worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem
Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf,
ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel
reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er
sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte,
die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung
bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden,
sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf:
»Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer
der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt,
so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte
Don Quijote von la Mancha, der sich mit
einem anderen Namen nennt der Ritter von der
traurigen Gestalt.«

Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und
Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen,
ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der
traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch
sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine
Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die
dem armen Manne gehörte und da spielte Euer
Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die
ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es
nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet
oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne
fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«

»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote,
»sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die
Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen,
daß es gut sei, wenn ich mir noch einen
anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter
der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der
Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der
vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser
der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter
vom Greifen, noch ein anderer der des Todes,
und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie
auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage
ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner
Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den
Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie
ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke,
und damit sich ein solcher Namen noch
besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es
die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine
überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«

»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit
und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern
was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt
sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten,
Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann
nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift
werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt
nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich
versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu
spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen
Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben,
daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei
gar wohl entbehren könnt.«

Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit,
nahm sich aber doch vor, sich bei diesem
Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem
Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er
sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe
der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die
Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche
gelegt, =juxta illud: si quis suadente diabolo etc.=,
aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern
nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies
glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu
verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es
einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt,
sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale
aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht,
so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai
Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen
Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des
Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte,
der wackere Rodrigo de Vivar aber
darum immer ein geehrter und tapferer Ritter
blieb.«

Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog
hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas
zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen,
ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen
bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu,
sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses
gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen
habe, am allerschönsten beendigt. Diese
Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen
sind, könnten darauf kommen, daß sie doch
nur von einem einzigen Manne überwunden wären,
deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren
und uns suchen, um uns noch das Nötige
beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß,
das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste
wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig
zurück und so gehe denn, wie man sagt, der
Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem
Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen
Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen,
dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe,
und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren
nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als
sie sich in einem geräumigen und abgelegenen
Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho
seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert,
vollbrachten sie nun mit der Würze des
Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl,
Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen
mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die
Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne
Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt
hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit,
die Sancho für die schlimmste von allen
hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken
hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß
zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho,
da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem
frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden
Kapitel erfahren wird.




~Sechstes Kapitel~

Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer,
welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr
vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha
vollbracht wurde


»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn
diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon,
als daß hier herum eine Quelle oder ein
Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß
macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir
etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen,
womit wir diesen schrecklichen Durst löschen
könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch
mehr als der Hunger peinigt.«

Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er
nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm
seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel
ihres Nachtessens geladen wurden, und so
zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis
der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich
sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert
Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause
eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen
und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen
war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um
zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch
komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen,
das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte,
dem Sancho besonders, der von Natur
furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich,
wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit
einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit
dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden,
hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote
mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt,
dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen
Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt,
still und schauerlich rauschten, so daß die
Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch
des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht
und Grausen erwecken durften, da sie überdies
sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind
nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei
ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in
der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt
von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante,
nahm den Schild, faßte die Lanze und
sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich
geboren bin, um vom Himmel herab in dieser
unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches
man nur das von Gold oder das goldene zu nennen
pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind:
ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die
Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun
Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die
Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus
und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt
der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in
vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem
gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten
ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe,
daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene
jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher
Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht,
die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende
Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen
jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen
und zu brausen scheint von mondhohen,
steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen
Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet,
welche Dinge zusammen, ja jedes für sich
hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der
Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem
Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen
Begegnissen und Abenteuern. Alles aber,
was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker
und Entzünder meines Mutes, so daß mir das
Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses
Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den
furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also
ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen
und lebe wohl, erwarte mich hier drei
Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit
nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat
zurückkehren und von dort, um etwas Edles und
Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und
der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen,
daß ihr gefangener Ritter umgekommen
sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig
gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«

Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing
er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger
Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch
doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen
wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier,
wir können ja schnell umlenken und der Gefahr
aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen
nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch
hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige
Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer
in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet,
habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig
in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es
nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so
ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht
anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann;
da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan
hat, indem er Euch von der Prelle lossprach,
die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund
und frei aus dem Treffen mit der großen Schar
kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und
bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes
Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke
muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht,
ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur
mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und
Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen,
weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern
dachte, aber freilich allzuviel zerreißt
den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in
die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die
verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die
Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür
lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen,
den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend
Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht
ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr
denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch
dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens
bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner
Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe,
muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn
der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über
uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der
Linie linker Hand befindet.«

»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote,
»diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr
werden, wovon du sprichst, da die Nacht so
finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel
scheint?«

»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho,
»aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die
Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn
am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem
puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit
vom Tage sein kann.«

»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don
Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von
mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich
abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht
schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho,
ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins
Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und
entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für
meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit
trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante
den Sattelgurt festzumachen und dann hier
zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder
tot, zurück.«

Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß
seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine
Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte
er die Probe machen, was er durch List ausrichten
könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse;
indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog,
band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem
Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine
zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten
wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd
nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho
den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte
er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen
und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet,
daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr
nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen
und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur
böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt,
gegen den Stachel lecken.«

Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn
je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger
wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband
zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig
zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen
werden oder Rosinante berühriger werden möchte,
weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache,
nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte
also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich
nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden
sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich
ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft
verzögern wird.«

»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete
Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug
verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen,
wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf
dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise
schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer
findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer,
worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«

»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte
Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen
Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf
du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue,
was du willst, ich werde meinerseits das tun, was
meiner Würde am besten zusteht.«

»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,«
antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;«
zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die
eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die
andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er
den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt,
ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen:
solche Furcht flößten ihm die Schläge ein,
die unaufhörlich abwechselnd erklangen.

Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung
eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen
habe, worauf Sancho erwiderte, daß er
es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel
dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch
anstrengen, eine Historie vorzutragen, die,
wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz
und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor
allen anderen die schönste Historie ist; nun aber
gebt acht, denn ich fange an.

Es war das, was war, das Gute, das uns
kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem,
der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr,
wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise
anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer
Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland,
welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es
aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh
auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig
halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu
suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg
einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja,
diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken
auf uns lauern.«

»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte
Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu
verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«

»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in
einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von
Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen
hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie
ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und
dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt,
die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva
hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten,
und dieser reiche Hirte -- --«

»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,«
sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben
Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen
nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger
Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«

»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho,
»werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt,
ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es
ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue
Sitten aufbringen soll.«

»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote,
»da es das Schicksal einmal will, daß ich dir
zuhören muß, so fahre nur fort.«

»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho
fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer
in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes,
unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges
an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen
Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu
sehen glaube.«

»So hast du sie also gekannt?« fragte Don
Quijote.

»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho,
»aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte
mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn
ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen
und schwören könnte, wie ich selber alles mit
meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so
Tage gingen und Tage kamen, richtete es der
Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander
rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen
seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen
verkehrte, und die Ursache davon war, wie die
bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine
gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben
hatte, die wirklich über die Schnur und ins
Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so
zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu
sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um
hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden.
Wie nun Torralva merkte, daß sie vom
Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks
stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«

»So ist der natürliche Charakter der Weiber,«
sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die
sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie
gehaßt werden. Aber fahre fort.«

»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der
Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er
trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf
den Weg nach den Feldern von Estremadura, um
von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen.
Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und
folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem,
einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um
den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen
Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und
noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht.
Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie
will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt
nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man
mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner
Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und
dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen
und auf dem diesseitigen Ufer war kein
Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine
Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden
konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er
sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen,
die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen
und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange
um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit
davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß
in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine
Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit
diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert
Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der
Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege
über, er kam zurück und setzte eine andere über,
er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine
andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr,
die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn
wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert,
so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher
nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu
erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz
auf der andern Seite voller Schmutz
und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit
Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch
kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und
nochmal fuhr er über und nochmal.«

»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don
Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht
aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn
sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt
haben.«

»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?«
fragte Sancho.

»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don
Quijote.

»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau
zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte
ist nun so völlig aus, daß ich nichts
weiter erzählen kann.«

»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote,
»ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich,
ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt
sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du
in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«

»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,«
antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte,
wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr
mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet,
so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was
noch übrig war und wahrhaftig, das war von
nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«

»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun
die Geschichte aus?«

»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.

»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast
da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie
vorgetragen, was kein anderer Mensch auf
der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es
vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört
und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört
bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem
feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber
hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen
Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«

»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das
weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts
mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende
ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten
Ziegen einen Fehler macht.«

»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo
sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir
lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er
gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum
machte jener Sprünge und blieb auf demselben
Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.

Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des
Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß
Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte,
oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein
mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug,
es kam ihm der Wunsch und das Begehren
an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun
konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang
gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen
Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute:
der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht
auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm
also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb,
war, daß er seine rechte Hand von dem
Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit
dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte
Schleife löste, die ganz allein und ohne
irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe
hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife
plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen
blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst
erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile
reckte, die nicht unansehnlich zu nennen.
Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste
vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst
und Not zu kommen), zeigte sich eine andere,
größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht
ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können,
somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf
und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr
er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen
zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er
unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr
verschieden von jenem, welches ihn in so große
Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und
sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«

»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser,
»es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle
wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.«
Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt,
sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug,
daß ohne größeres Geräusch und Aussehen
als das vergangene, er sich von der Last befreit
sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber
der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht
weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho
ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast
in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen,
so war es nicht anders möglich, als daß einige
davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum
hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon
zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte,
worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte:
»Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«

»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber
woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als
sonst?«

»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht
nach Ambra,« antwortete Don Quijote.

»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich
bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich
zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten
Taten herumzieht.«

»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,«
sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase
zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst
du besser berechnen, wer du seist und was du mir
schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen
dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«

»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden
denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet
und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«

»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu
rühren,« antwortete Don Quijote.

Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten
Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte,
daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit
vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die
Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so
wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er
wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine
bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis
sei's gesagt, keine andere Courbetten zu
machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich
Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein
gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das
furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte
sich auch das helle Morgenrot, wobei man die
Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don
Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen
befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten
Schatten machen: er hörte aber zugleich,
wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts,
was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne
längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen,
nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm,
drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er
schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in
dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein
möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine
Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen.
Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und
die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der
Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch,
was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine
Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament
gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe,
in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche
Besoldung für die Zeit seines Dienstes
vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig,
gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück,
so könnte er gewisser als jemals die versprochene
Insel erwarten. Sancho fing wieder an
zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden
seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich,
ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns
zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle
Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser
dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn
guter Eltern oder wenigstens für einen alten
Christen zu halten; auch war sein Herr durch
diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß
er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte
sich so gut er konnte und richtete sich nun
nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers
sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm
zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel
führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen
und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine
ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren
Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie
auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt
wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom
herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen
einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von
Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie
bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen
Schläge ertönte. Rosinante wurde vor
dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu,
aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach
auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen
seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in
dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis
begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich
Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte.
Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang
als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen
den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm
so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als
sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren
und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und
entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß
kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen
und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große
Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht
hatte, und es waren (wenn du es, mein
Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten
hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden
Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.

Als Don Quijote sah, was es war, wurde er
still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen.
Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt
auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung.
Auch Don Quijote sah den Sancho an
und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff
und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten,
mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen
möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht
so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos
Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho
sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste
er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit
den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor
Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe
und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit
gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote
dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies
parodischerweise diese Worte sagte: »Freund
Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um
vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit
das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen.
Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen,
mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so
hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her,
die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das
furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote
sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte
und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob
und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige,
daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den
Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt
hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht
seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho
merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte
er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr
möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch,
gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«

»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete
Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger
Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer
waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen
wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um
es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich
denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen
und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von
Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es
überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist,
daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen
habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein
gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und
aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen
sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach
dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich,
und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten
Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt,
Euren Spaß aus mir.«

»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger
Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß
ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten
bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden
leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer,
das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie
aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding
zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche
Furcht ausgestanden haben? Wenigstens
habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen
Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und
einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«

»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote,
»daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding
würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist
es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig
genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.«
-- »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein
gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck
zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken
und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine
Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite
wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man
hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt
dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem
Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl
ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich
wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar
Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht
nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf
dem festen Lande verschenken.«

»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don
Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit
würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst
du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen
nicht in der Gewalt des Menschen stehen
und sei von nun an für die Zukunft in einem
Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken
haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich
führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen
habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals
gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem
Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem
deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für
einen großen Fehler, sowohl von deiner als von
meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung
gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in
größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin,
dem Stallmeister des Amadis von Gallia,
der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß
er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das
Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den
Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen
wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don
Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um
uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens
zu verstehen zu geben, sein Name nur
ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen
Geschichte genannt wird? Aus alle dem
Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig
sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht,
zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und
Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun
an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne
über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch
über Euch erzürnen möge, wird es immer übel
für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und
Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu
ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so
kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen,
wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«

»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,«
sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen
(wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt
und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen
muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden
Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich
monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei
den Maurergesellen, verdungen?«

»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote,
»daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient
haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich
dir aber in meinem zurückgelassenen Testament
etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum
geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen
Zeiten die Ritterschaft geraten wird,
und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge
wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide;
denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren
Stand, als den eines Abenteurers.«

»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein
das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz
eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie
Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber
Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine
Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure
Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem
Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«

»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben
auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung
der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt
werden.«




~Siebentes Kapitel~

Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung
von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die
dem unüberwindlichen Ritter zustießen


Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho
schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber
Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes
einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er
durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug
einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine
andere Straße als auf welcher sie erst gereist
waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don
Quijote einen Menschen, der beritten war und auf
dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte.
Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon
gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung,
Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches
nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche,
die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften,
geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt:
Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere
auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die
Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden
ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt
sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und
unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur
meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände,
denn jetzund kann ich es nicht auf meine
Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis
der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls
ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der
auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen
dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«

»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und
seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht
wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht
walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«

»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote,
»was tun denn Helm und Walken miteinander?«

»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber
wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so
würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr
einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«

»Wie kann ich mich in meiner Behauptung
irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote,
»sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der
uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und
auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«

»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen
kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein
Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner
ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat,
das blitzert.«

»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,«
sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und
laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich,
ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit,
dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm
verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«

»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte
Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns
Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke
bescheren.«

»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals,
ja nicht in Gedanken einmal der Walken
erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe
-- -- -- ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte
dir die Seele zusammenwalken.«

Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr
machte das Gelübde vollführen, welches er ihm so
kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem
Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche
Don Quijote sah, verhielt es sich also. In jener
Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das
eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte,
das andere benachbarte aber war mit einem versorgt
und daher bediente der Barbier des größeren
Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker
gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein
anderer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb
der Barbier eben kam und ein Bartbecken von
Messing mit sich führte, und da es das Schicksal
um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut,
der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben
lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf,
welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe
Meile weit flimmerte. Er ritt in der Tat, wie
Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel und
dies zusammen war dem Don Quijote der Apfelschimmel,
der Ritter und der goldene Helm, denn
es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er
sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen
irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte,
daß der arme Ritter ihm nahe genug war,
legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen,
die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit
dem Vorsatz, jenen durch und durch zu rennen; als
er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu,
ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: »Verteidige
dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefere freiwillig,
was mir nach allem Recht zukommt!«

Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb,
dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein
besseres Mittel den Lanzenstoß von sich abzuhalten,
als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte
aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie
eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit
über das Feld rannte, daß ihn der Wind
selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ
er auf der Erde liegen, womit sich Don Quijote
zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig
genug gewesen, und daß er dem Biber trefflich
nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die
Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße,
weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt
seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho
den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm
und sagte: »Mein Seel! Ein köstliches Bartbecken,
unter Brüdern ist es seinen Taler wert.« Zugleich
gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den
Kopf setzte und es rundherum drehte, um das
Visier zu finden, wie er es aber nicht antraf,
sagte er: »Jener Heide, der nach seinem Maße
diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß
in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben und,
was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.«

Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen
hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken,
aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die
Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. »Worüber
lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote.

»Ich lache nur«, gab er zur Antwort, »wenn ich
mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide
muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte,
die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht,
wie ein Ei dem andern.«

»Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho?
Dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte
Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall
in die Hände eines solchen geraten sein, der
seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand und so
in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das
feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich
damit zu bereichern, und somit die andere Hälfte
zu einem Dinge machte, das, wie du bemerktest,
einem Barbierbecken gleichsieht. Scheine dieser Helm
aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne,
ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies
will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied
befindet, fertig machen, und zwar so, daß ihn jener
Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt,
den der Gott der Schmiede für den Gott
der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will
ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist
besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend
sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.«

»Vielleicht,« sagte Sancho, »wenn die Steine
nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so
wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf,
als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die
Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite
Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen
ließ.«

»Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren
zu haben, denn du weißt, Sancho,« sagte
Don Quijote, »daß ich das Rezept davon im Gedächtnis
habe.«

»Auch ich hab's im Gedächtnis,« antwortete
Sancho, »aber wenn ich ihn in meinem Leben mache
oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte; ich
denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo
ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit
allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals
verwundet zu werden und auch keinen andern zu
verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden
möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen
Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und
wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter
tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten,
die Augen zudrücken und sich dann in
Gottes Namen gehen lassen, wohin es das Schicksal
und das Bettuch meint.«

»Du bist ein schlechter Christ, Sancho,« sagte
Don Quijote bei diesen Worten, »denn du vergißt
niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren
ist; edlen und großmütigen Seelen aber ist
es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten
keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem
Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen?
Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen
Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn
beim Lichte den Vorfall besehen, war er nur Spaß
und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen,
so wär' ich schon längst umgekehrt und
hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet,
als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten,
die, wenn sie zu dieser Zeit oder Dulzinea
zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte,
nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu
haben, den sie nun davongetragen hat.«

Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten
Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: »So
mag's denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein
Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was
Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der
Spaß mir niemals aus dem Gedächtnis kommen
wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern
eingeprägt hat. Wir wollen aber von was andern
reden und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was
machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie
ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns
hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt?
Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine
machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich
wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren,
und bei meinem Barte, der Graue ist
wacker.«

»Es war niemals meine Gewohnheit,« sagte
Don Quijote, »die zu berauben, die ich überwinde,
auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen
zu nehmen und sie unberitten zu lassen,
wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im
Kampfe sein eigenes Roß verlor, dann ist es ihm
allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen
als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrecht
zusteht. Also, Sancho, laß dieses Roß oder diesen
Esel oder wofür du es halten magst, denn so wie
uns sein Herr in der Entfernung sehen wird,
kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.«

»Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte,«
sagte Sancho, »oder wenigstens gegen meinen austauschen,
der mir nicht so wacker scheint! Wie sind
doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man
nicht einmal einen Esel gegen einen andern austauschen
darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich
nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen
dürfte.«

»Hierin bin ich nicht sonderlich sicher,« sagte
Don Quijote, »im Zweifelsfalle aber, bis ich besser
unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du
es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im
äußersten Grade bedürftig bist.«

»So zum äußersten bedürftig,« antwortete
Sancho, »daß ich's für meine eigene Person nicht
nötiger hätte.« Mit dieser Erlaubnis tauschte er
die Kleider sogleich um und zierte seinen Esel so
köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien als
vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten
sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem
Küchenesel übriggeblieben war und tranken von
dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen
trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen, so
heftig war der Haß, den sie wegen ihrer Furcht
gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren
Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen
sie wieder auf und ohne einen bestimmten Weg
einzuschlagen (weil es irrenden Rittern gut ansteht,
sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die
Straße, die Rosinante erwählte; dieser Wahl folgte
sein Herr und auch der Esel, der immer nachging,
wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter
führte. Sie gerieten demungeachtet auf
die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach,
ohne sich eine Absicht vorzusetzen.

Indem sie so fortzogen, sagte Sancho zu seinem
Herrn: »Gnädiger Herr, wollt Ihr mir nicht vielleicht
die Erlaubnis geben, ein wenig mit Euch zu
schwatzen? Denn seit mir das harte Gebot, still zu
schweigen, auferlegt ist, sind mir wohl an vier
Dinge im Magen verdorben und jetzt habe ich eins
auf der Zungenspitze, was ich nicht gern möchte
umkommen lassen.«

»So sprich es aus«, sagte Don Quijote, »und
befleißige dich der Kürze, denn das Weitläufige
macht nie Vergnügen.«

»Ich sage also, gnädiger Herr,« sprach Sancho,
»daß ich seit etlichen Tagen meine Betrachtungen
darüber angestellt habe, wie Ihr ohne Nutzen
und Erquickung Abenteuer sucht hier in den
Wüsten und auf den Kreuzwegen, denn wenn Ihr
auch die allergefährlichsten übersteht, so sieht und
weiß das kein Mensch, und alles bleibt im ewigen
Stillschweigen vergraben, zum Nachteil Eurer Absicht
und Eurer Verdienste. Es scheint mir also,
mit Eurer Erlaubnis, besser, daß wir irgendeinem
Kaiser oder einem andern großen Herrn dienen
sollten, der irgend Krieg führt, in seinem Dienste
könnt Ihr dann Eure tapfere Gesinnung, Eure
gewaltige Macht und Euren trefflichen Verstand
an den Tag legen. Sieht nun der Herr, dem wir
dienen, dies alles, so muß er uns ja eine Belohnung
geben, jedem nach seinem Werte, dann würden
auch gewiß Eure großen Taten zum ewigen Andenken
aufgeschrieben; meine Taten will ich nicht
erwähnen, denn die bleiben natürlich in den Schranken
des Stallmeistertums, aber das kann ich behaupten,
daß, wenn es bei der Ritterschaft Gebrauch
wäre, die Taten der Stallmeister aufzuzeichnen,
meine Verrichtungen gewiß auch schwarz
auf weiß erscheinen würden.«

»Nicht übel sprichst du, Sancho,« antwortete
Don Quijote; »bevor ich aber zu jenem Ziele gelange,
ist es vonnöten, durch die Welt zu ziehen,
gleichsam zur Beglaubigung, um Abenteuer aufzusuchen,
damit, wenn ich etwelche beendige, mich
der Ruhm bekränze. Wenn sich nun ein solcher
Ritter an den Hof eines großen Monarchen verfügt,
so ist er durch seine Taten schon bekannt,
so daß, wenn ihn die Knaben nur durch die Tore
der Stadt einziehen sehen, ihm alle folgen, ihn
mit Geschrei umgeben und ausrufen: dieses ist der
Ritter von der Sonne, oder von der Schlange, oder
von irgendeinem anderen Sinnbilde, unter welchem
er denkwürdige Taten vollbracht hat. Dieser ist
es, werden sie sagen, der im einzelnen Zweikampfe
den Riesen Brocabruno von der gewaltigen Kraft
überwand, er löste den mächtigen Zauber, in welchem
der große Mameluk von Persien fast seit
neun Jahrhunderten schmachtete. Also werden von
Mund zu Mund seine Taten gepriesen und über
dem Geschrei der Knaben und des übrigen Volkes
tritt der König des Reiches an die Fenster seines
herrlichen Palastes: sowie er den Ritter gewahrt,
erkennt er ihn an der Rüstung oder an dem
Sinnbilde des Schildes und ruft erfreut: ›Auf! alle
meine Ritter, so viele sich deren nur am Hofe befinden,
ihr sollt die Blume der Ritterschaft, die
sich dorten naht, in Empfang nehmen.‹ Alle stürzen
diesem Gebote zufolge hinaus, er selbst begibt sich
bis auf die Mitte der Treppe, umarmt ihn inbrünstig
und bewillkommt ihn, küßt ihn auf den
Mund und führt ihn an der Hand in das Gemach
Ihrer Majestät der Königin; hier findet der Ritter
die Infantin, seine Tochter, eine Jungfrau, so
schön und von solcher Trefflichkeit, wie man sie
gewiß nicht auf einem großen Teile dieser Welt
finden wird. Es begibt sich sogleich im ersten
Augenblicke, daß sie die Augen auf den Ritter
wirft; er wirft die Augen auf sie, und jeder erscheint
dem andern mehr eine Gottheit als ein
menschliches Wesen, und ohne zu wissen, was oder
wie es geschieht, fühlen sich beide in dem hinterlistigen
Liebesnetze gefangen und verstrickt, worüber
ihre Herzen in großen Sorgen stehn, weil
sie nicht wissen was sie reden oder wie sie ihre
Gefühle und ihre Pein entdecken sollen. Von
dorten führen sie ihn wohl in ein anderes Quartier
des Palastes, das reich geschmückt ist, wo er
die Rüstung abtut und sie ihn mit einem kostbaren
Scharlachmantel bedecken; schien er in der
Rüstung trefflich, so erscheint er im Hauskleide
noch trefflicher. Der Abend kommt und er speist
mit dem Könige, der Königin und der Infantin,
wobei er niemals die Augen von ihr wendet und
sie verstohlen beschaut, ohne daß es die Umstehenden
merken; sie tut das nämliche mit der
nämlichen Vorsicht, denn, wie ich schon einmal gesagt,
sie ist eine verständige Jungfrau. Sowie die
Tafel aufgehoben ist, kommt alsbald durch die
Tür des Saales ein häßlicher und kleiner Zwerg
mit einer schönen Dame, die sich zwischen zwei
Riesen befindet und ein solches Abenteuer mit sich
bringt, welches ein uralter Weiser eingerichtet hat,
daß der, der es vollführt, für den allertrefflichsten
Ritter von der Welt gehalten werden muß.
Sogleich gibt der König Befehl, daß sich alle, die
zugegen sind, in dem Abenteuer versuchen sollen,
keiner aber bezwingt und beendigt es als der fremde
Ritter, wodurch er seinen Ruhm um ein großes
vermehrt, zum großen Vergnügen der Infantin,
die sich glücklich und selig preist, ihr Herz einem
so glorreichen Manne zugewandt zu haben. Das
Hauptsächlichste aber ist, daß dieser König oder
Fürst oder was er nur sein mag, in einen gefährlichen
Krieg mit einem anderen, ebenso mächtigen,
verwickelt ist; der fremde Ritter bittet ihn hierauf,
(nachdem er sich zuvor einige Tage am Hofe aufgehalten)
um die Erlaubnis, ihm in diesem Kriege
Dienste zu leisten; mit Freuden gibt sie der König
und der Ritter küßt ihm für die erteilte Gnade
mit vieler Artigkeit die Hand. In derselben
Nacht nimmt er von seiner Gebieterin, der Infantin,
Abschied, die er im Garten hinter einem
Gitterfenster spricht, denn ihr Schlafzimmer stößt
auf den Garten: hier hat er sie auch schon oftmals
gesprochen, denn eine Jungfrau, die das
völlige Vertrauen der Infantin besitzt, ist Vermittlerin
und Mitwisserin. Er seufzt, sie sinkt ohnmächtig
nieder, das Mägdlein bringt Wasser, sehr
in Sorgen, daß der Tag anbrechen möchte, der zum
Nachteil ihrer Gebieterin alles entdecken würde;
endlich kommt die Infantin wieder zu sich, durch
das Gitter reicht sie ihre schneeweißen Hände dem
Ritter, der sie tausend und tausendmal küßt und
sie in seinen Tränen badet. Von beiden wird
endlich die Weise beschlossen, wie sie sich ihr Glück
oder Unglück mitteilen wollen; es fleht die Prinzessin,
daß er so schnell als möglich zurückkommen
möge; er verspricht es mit vielen Schwüren; wieder
küßt er ihr hierauf die Hände und nimmt mit
solchen Gefühlen Abschied, daß sie ihm fast das
Leben rauben. Er begibt sich hierauf in sein Gemach,
wirft sich auf sein Lager, aber der Schmerz
der Abreise läßt ihn nicht schlafen. Früh mit der
Morgenröte geht er, um sich vom Könige, der
Königin und der Infantin zu beurlauben, er erfährt,
nachdem er sich von den beiden beurlaubt,
daß die gnädige Infantin sich übel befinde und
keinen Besuch annehmen könne; der Ritter merkt,
wie dies Schmerz über seine Abreise ist, das Herz
schlägt ihm und es fehlt wenig, so läßt er seine
Empfindungen laut werden. Die Jungfrau, die die
Vermittlerin ist, bemerkt alles, sie geht, um es
ihrer Gebieterin zu sagen, die sie mit Tränen empfängt
und ihr klagt, wie ihre allergrößte Sorge
sei, zu erfahren, wer der Ritter sei und ob er von
königlichem Geschlechte abstamme oder nicht. Die
Jungfrau tröstet sie, wie er unmöglich so große
Artigkeit, Anstand und Tapferkeit besitzen könne,
wenn er nicht von Königlichem Geschlechte sei; mit
diesem Troste beruhigt sie sich, sie gibt sich zufrieden,
um ihren Eltern keinen Argwohn zu erregen
und nach Verlauf von zwei Tagen zeigt sie
sich öffentlich. Schon ist der Ritter abgereist, er
streitet im Kriege, er überwindet den Feind des
Königs, er erobert viele Städte, er triumphiert
in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück,
am gewöhnlichen Platze sieht er seine Dame,
sie fassen den Schluß, daß er sie von ihrem Vater
zum Lohne seiner Dienste zum Weibe begehren
soll. Der König verweigert sie ihm, weil er nicht
weiß, wer er ist. Aber dennoch, sei's nun, daß
er sie entführt, oder auf welche Weise es sonst
geschehen mag, genug, die Infantin wird seine Gemahlin
und der Vater selbst preist sich deshalb
glücklich, denn es findet sich, daß der Ritter der
Sohn eines mächtigen Königs, ich weiß nicht von
welchem Königreiche ist, denn es mag wohl in der
Landkarte gar nicht verzeichnet sein. Der Vater
stirbt, die Infantin erbt den Thron und wie man die
Hand umdreht, ist der Ritter König. Nun steht es
in seiner Gewalt, seinen Stallmeister und alle diejenigen
zu belohnen, die ihm darin beigestanden
haben, sich emporzuschwingen. Er verheiratet seinen
Stallmeister mit einer Dame der Infantin, wahrscheinlich
derselben, die die Mitwisserin seiner Liebe
war, sie ist die Tochter eines sehr vornehmen
Herzogs.«

»So wünsch' ich's, und das ist der Weg Rechtens,«
sagte Sancho, »und buchstäblich wird es Euer
Gnaden so begegnen, genannt der Ritter von der
traurigen Gestalt.«

»Du darfst nicht zweifeln, Sancho,« versetzte
Don Quijote, »denn auf dieselbe Weise und auf
die nämliche Art, wie ich dir eben erzählt habe,
haben sich alle irrenden Ritter so hoch emporgeschwungen,
Könige und Kaiser zu werden; jetzt muß
ich nur darauf mein Augenmerk richten, wo ich
einen christlichen oder heidnischen König antreffe,
der Krieg führt und eine schöne Tochter hat, aber
es wird uns noch Zeit übrig bleiben, darauf zu
denken, denn, wie gesagt, vorher muß ich einen
herrlichen Ruhm erlangen, der bis an den Hof erschalle.
Mir fehlt aber noch ein anderes Ding,
denn gesetzt, ich finde einen König mit Krieg und
einer schönen Tochter, und daß ich unglaublichen
Ruhm im ganzen Universum erhalten habe, so
weiß ich nicht, wie es sich ausweisen soll, daß ich
vom königlichen Geschlechte abstamme, oder wie ich
wenigstens ein Nebenverwandter eines Kaisers sein
kann. Denn der König wird mir seine Tochter niemals
zur Gemahlin geben wollen, wenn nicht
nebenher auch dieses berichtigt ist, mögen gleich
meine Taten noch größeren Ruhm verdienen; so
werde ich dieses Mangels halber den Lohn meines
tapferen Armes verlieren. Ich bin freilich wohl
ein Edelmann aus einem bekannten Geschlechte,
ich besitze ein Eigentum und meine Einnahme erstreckt
sich wohl über fünfhundert Taler; es mag
auch wohl sein, daß der Weise, der meine Geschichte
niederschreibt, meine Verwandtschaft und
Abkunft dermaßen auseinandersetzt, daß erweislich
wird, wie ich fünfter oder sechster Urenkel des
Königs bin: denn du mußt wissen, Sancho, wie es
zwei Arten von Geschlechtern in der Welt gibt, eine
Art, die ihre Herkunft von Fürsten und Monarchen
ableitet, die aber die Zeit nach und nach erniedrigt
hat, so daß sie sich endlich gleichsam in der Basis
einer Pyramide verlieren; andere entspringen aus
niedrigem Geschlechte und steigen und steigen nach
und nach, bis sie vornehme Leute werden; der
Unterschied zwischen beiden liegt also darin, daß
jene waren, was sie nicht mehr sind, und diese
sind, was sie nicht waren, und zu diesen mag ich
gehören, weil es sich enthüllen wird, daß mein
Ursprung groß und berühmt ist, wobei sich dann
auch der König, mein Schwiegervater, zufrieden
stellen muß. Will er aber durchaus nicht, so wird
mich die Infantin auf solche Weise lieben, daß
sie ihrem Vater zum Trotze, wenn sie auch bestimmt
wüßte, ich sei der Sohn eines Tagelöhners,
mich zum Herrn und Gemahl annehmen wird; wo
nicht, so raube ich sie dann und entführe sie, wohin
es mir gefällt, bis Zeit oder Tod endlich den Zorn
ihrer Eltern vertilgen.«

»Es paßt hier schön,« sagte Sancho, »was
manche Schelme sagen: bitte das nicht im Guten,
was du dir mit Gewalt nehmen kannst; man
könnte auch noch besser sagen: das Rauben eines
Spitzbuben ist besser als das Bitten eines braven
Mannes; ich sage das nur, weil, wenn der Herr
König, Euer Schwiegervater, sich nicht zum Ziele
legen und Euch die gnädige Infantin übergeben
will, so tut Ihr freilich am besten, sie zu rauben
und wegzunehmen. Das Unglück ist nur, daß bis
wieder Friede gemacht ist und Ihr im Königreiche
ruhig sitzet, der arme Stallmeister unterdes mit
leeren Backen auf den Lohn passen muß, wenn
nicht etwa die Jungfrau, die Vermittlerin, die
seine Gemahlin werden soll, mit der Infantin wegläuft
und er sein Unglück mit ihr teilt, bis es der
Himmel anders beschert, denn ich glaube, sein Herr
ist doch imstande, sie ihm gleich zur rechtmäßigen
Frau zu geben.«

»Niemand kann ihm solches verweigern,« sagte
Don Quijote.

»Damit es aber so komme,« antwortete Sancho,
»müssen wir brav zu Gott beten und das Glück
dann gehen lassen, wohin es uns führen will.«

»Gott wird es fügen«, antwortete Don Quijote,
»wie ich es wünsche und du, Sancho, es
brauchst, und gemein bleibe der, der sich für gemein
hält.«

»Das weiß Gott,« sagte Sancho, »daß ich ein
alter Christ bin, und mehr braucht's nicht, um
Graf zu sein.«

»Überflüssig genug ist es,« sagte Don Quijote,
»und wärst du es nicht, so wäre auch dieses ohne
Bedeutung, denn wenn ich König bin, so kann ich
dir den Adel erteilen, ohne daß du ihn kaufst
oder durch Verdienste erwirbst, weil, wenn ich
dich zum Grafen mache, ich dich zugleich zum Ritter
mache, und sie mögen sich dann stellen wie sie
wollen, so müssen sie dir denn durchaus deinen
gnädigen Herrn geben.«

»Und denkt nur nicht, daß ich mich nicht in
Hauterdiät setzen werde,« sagte Sancho.

»Auktorität und nicht Hauterdiät mußt du
sagen,« erwiderte sein Herr.

»Auch gut,« antwortete Sancho Pansa, »ich sage
nur, daß ich mich schon drein schicken will, denn
meiner Seel, ich war nur einmal Hochzeitbitter
und es stand mir so gut, daß alle sagten, ich
könnte wohl gar einen Küster vorstellen. Wie
wird's aber vollends werden, wenn sie mir den
Herzogsmantel um die Schultern hängen oder ich
ganz voll Gold und Perlen sitze wie ein fremder
Graf! Gewiß kommen sie hundert Meilen her, um
mich nur zu sehen.«

»Du wirst gut aussehen,« sagte Don Quijote,
»doch wirst du dir den Bart müssen dünner scheren
lassen, denn so dick, häßlich und unordentlich dein
Bart ist, mußt du ihn wenigstens einen Tag um
den anderen unter das Messer bringen, sonst weiß
doch jeder schon auf einen Steinwurf, wer du bist.«

»Was gilt's,« sagte Sancho, »ich nehme mir
lieber einen Barbier und lasse ihn bei mir im
Hause wohnen, und wenn's nötig tut, muß er
mir allerwege nachfolgen, wie der Bereiter eines
Großen.«

»Aber wie weißt du,« fragte Don Quijote, »daß
die Großen ihren Bereiter hinter sich führen?«

»Ich will es sagen,« antwortete Sancho; »ich
war vor etlichen Jahren einmal vier Wochen lang
in Madrid, da sah ich einen sehr kleinen Herrn
vorbei reiten, von dem die Leute sagten, er wäre
sehr groß, ein Mann folgte ihm auf allen seinen
Schritten und Tritten zu Pferde nach, so daß er
mir wie sein Schwanz vorkam; ich fragte die
Leute, warum der Mann nicht neben dem anderen
ritte, sondern nur immer hinter ihm herzöge, da
antworteten sie, daß er sein Bereiter sei und daß
es die Großen in der Art hätten, sie so hinter sich
zu führen: das weiß ich seitdem so gut, daß ich
es niemals wieder vergessen habe.«

»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote,
»und auf die Weise kannst du deinen Barbier
mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht
auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit
erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf
sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und
überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres
Geschäft als ein Pferd satteln.«

»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge
sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu
denken, wie Ihr König werdet und mich zum
Grafen macht.«

»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem
er die Augen erhob, sah er, was das folgende
Kapitel erzählen wird.




~Achtes Kapitel~

Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit,
die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern
gingen


Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische
Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen,
erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen
Geschichte, daß, nachdem zwischen dem
berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem
Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen
waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind,
der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der
Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen
zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines
Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne
Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen
trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu
Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren
mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit
Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte,
sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten,
die der König zwingt, ihm auf den Galeeren
zu dienen.«

»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie
kommt der König dazu, irgend jemand zu
zwingen?«

»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern
das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen
verurteilt hat und sie zwingt, auf den
Galeeren zu dienen.«

»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich
dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man
fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien
Willen.«

»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.

»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt
hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang
aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und
beizustehen.«

»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte
Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König
vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an
dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen
ihrer Verbrechen gestraft.«

Indem kam die Kette mit den Ruderknechten
heran und Don Quijote bat diejenigen, die als
Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den
Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen,
warum man diese Leute auf solche Weise fortführe.
Einer von den Wachen zu Pferde antwortete,
daß es Ruderknechte wären, Sklaven
Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren
gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und
mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«,
erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem
insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.«
Er fügte noch so viele und so höfliche
Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß
der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir
haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche
von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber
wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu
lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie
werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese
Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«

Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote
würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht
gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte
den vordersten, um welcher Sünden willen er in
so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete,
daß er als Verliebter so ginge.

»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote.
»Bringt man die Verliebten nach den Galeeren,
so hätte ich schon seit langem dort rudern
müssen.«

»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der
Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine
Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche
mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so
kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit
meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn
ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte.
Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung
war unnötig, die Sache machte sich bald,
ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel,
ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten
gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«

»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.

»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der
Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig
Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft
nach ein Felsenherzer.

Don Quijote tat dem zweiten die nämliche
Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still
und schwermütig war; der erste aber antwortete
für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht
mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein
Musikus und Sänger.«

»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und
Sänger werden auf Galeeren geschickt?«

»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht,
»kein böser Ding auf der Welt, als in der Not
singen.«

»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don
Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«

»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn,
wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«

»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote;
einer von der Wache aber antwortete: »Herr
Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen
rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser
Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein
Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs
Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er
schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen
hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil
ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht
behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er
bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu
sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei
Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent
kein besseres Glück wünschen könne, als daß
auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod
schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise
gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung
nach nicht unrecht.«

»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote
und wandte sich zum dritten, den er wie die
vorigen befragte, der auch behende und mit großer
Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf
Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir
zehn Dukaten mangelten.«

»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte
Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu
lösen.«

»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht,
»als wenn einer mitten auf der See Geld
hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er
nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte
ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt,
die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die
Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf
meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich
heute mitten auf dem Platze von Zocodover in
Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein
Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott
ist mächtig und man muß Geduld haben.«

Don Quijote kam zum vierten, einem Manne
mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer
Bart bis auf die Brust herunterhing; als
er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt
würde, fing er an zu weinen und antwortete
nichts. Aber der fünfte Gefangene diente
zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige
Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren,
nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde
und in großer Pracht gehalten hat.«

»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa,
»öffentlich am Pranger gestanden haben.«

»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie
haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler
für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen
gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein
Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als
Zauberer ausgeübt.«

»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,«
sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen,
wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen
hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern
man hätte ihn vielmehr zum General derselben
ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines
Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert
verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten
Staate von äußerster Notwendigkeit, so
wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben
müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren
über sie ansetzen, wie es bei den übrigen
Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die
Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde
vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen,
daß sich unwissende und einfältige Menschen
mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger
alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher
sind, die wenige Jahre und noch weniger
Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen
oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag
zu machen, dastehen, als wenn ihnen der
Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche
ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber
noch weitläufiger sein und Gründe anführen,
warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im
Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber
hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es
aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben
und die Sache einrichten können. Ich will nur
noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese
silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und
diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung,
bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei
vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine
Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu
verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige
glauben, denn unser Geist ist frei und weder
Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen.
Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige
Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte
mischen, die den Menschen töricht machen, womit
sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen,
da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien
Willen zu zwingen.«

»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und
wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der
Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das
Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit
nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht
war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in
Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht;
aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen,
ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht
wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe
außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir
keinen Augenblick Ruhe läßt.«

Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch
Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen
aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen
reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den
folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher
als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil
ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und
mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt
waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige,
daß durch all dies Scherzen eine so verworrene
Verwandtschaft entstand, daß sie kein
Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag.
Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte,
so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf
sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde.
Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung,
das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist
alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen
Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch
Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden
wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten,
daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem
Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher
Charakter verdient.«

Dieser war wie ein Student gekleidet und einer
von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und
geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein
Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt,
der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte:
die Weise, wie er angefesselt war, war von der der
übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße
hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um
den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei
Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am
andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund
befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von
oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder
in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden
Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen
waren, so daß er weder die Hände zum Munde
erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen
konnte. Don Quijote fragte, warum
dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an
sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht
allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen
begangen habe, und daß er so verwegen und listig
sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten,
wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten,
sondern stets seine Flucht befürchteten.

»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann
er begangen haben, wenn er keine größere Strafe
als die Galeere verdient?«

»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die
Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man
braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche
Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst
auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«

»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht,
»laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf
aus, Namen und Beinamen herzuerzählen.
Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg
ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie
Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und
er wird genug zu tun finden.«

»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius,
»du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte,
wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll,
wie es dir gewiß nicht lieb ist.«

»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß
sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß
der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans
Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«

»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?«
fragte der Wächter.

»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon
dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder
ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr
uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her
und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das
Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr
aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines
Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen
Fingern niedergeschrieben habe.«

»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius,
»er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben,
so gut man es nur verlangen kann, er hat
das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als
Pfand zurückgelassen.«

»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und
wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen
hätte.«

»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.

»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den
Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in
dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben
werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch
soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält,
und diese Wahrheiten sind so anmutig und
lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein
können.«

»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte
Don Quijote.

»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete
jener.

»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.

»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines,
»da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben
habe, hebt mit meiner Geburt an und
beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren
gesandt wurde.«

»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte
Don Quijote.

»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich
schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß,
wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,«
antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich,
wieder hinzukommen, denn ich werde dort
Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem
mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf
den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als
ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum
Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon
auswendig.«

»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.

»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das
Unglück verfolgt immer die Genies.«

»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.

»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,«
antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die
Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut,
die armen Schelmen zu mißhandeln, die
unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und
dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät
lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele -- --
Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der
Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert
sind und alle Welt sei ruhig und lebe
wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen,
denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«

Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem
Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber
Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht
zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest
gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei
zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette
wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir
gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel
verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen
gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen
eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und
gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch
ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser
auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei
jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und
überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache
eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit
gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches
alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß
ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch
den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der
Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden
der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß,
als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein
Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die
unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir
aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist,
das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten
läßt, daher ergeht meine Bitte an diese
Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch
gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu
lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die
dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn
mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven
zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute
geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,«
fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen
euch nichts getan; dorten aber wird
jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im
Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute
zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche
Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen
nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit
dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch
danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt,
falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet,
so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern
Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen,
es also zu vollstrecken.«

»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius,
»ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz!
Wir sollen die Sklaven des Königs frei
lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu
tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein
Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer
Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um
ungelegte Eier.«

»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein
Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote.
Und in demselben Augenblick rannte er so
wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr
setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet
zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich
ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte
führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak
über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber
wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen,
die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten
sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe
erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen,
wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese
günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie
in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an
der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand
eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald
zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten,
bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus
nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits
half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus,
der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde
herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius
machte und ihm Degen und Flinte abnahm;
hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald
zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald
keiner von der Wache mehr das Feld behauptete,
denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg,
teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen
Ruderknechte erregten. Sancho wurde über
diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte,
daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft
den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die
Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen;
diese Besorgnis trug er auch seinem
Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen,
damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken
könnten.

»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber
ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf
er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich
schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd
ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um
zu sehen was er haben wollte, er aber sagte:
»Braven Leuten steht es gut an, für empfangene
Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist
eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am
meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine
edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren
habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum
Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese
Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch
nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch
nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der
Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr
sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt,
euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt
für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem
berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung
zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so
könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch
gefällt.«

Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg:
»Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser
Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit,
es auszurichten, denn wir können nicht in
Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln
und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre
gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen
könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft
nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns
macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun
könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft
nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl
Ave Marias und Credos zu verwandeln, die
wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das
läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf
der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu
glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens
zurückkehren werden, ich meine, daß wir
unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf
den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte
man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn
Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt
Birnen vom Ulmbaum fordern.«

»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt,
»Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans
Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt,
daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen
den Beinen und die ganze Kette über den Buckel
gehängt!«

Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart
war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don
Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen
angefangen, sie frei zu machen), gab, da er
sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen
Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten,
und einen solchen Hagel von Steinen nach
Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug
hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei
der arme Rosinante sich aus allem Spornen
nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen
wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg
sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das
auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich
nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel
so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie
ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen,
als sich der Student über ihn machte, ihm
das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei
oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so
lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach;
er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über
der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst
die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der
Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen
sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf
sie untereinander die in der Schlacht gewonnene
Beute verteilten und jeder sich nach einer andern
Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren
Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der
Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea
von Toboso zu präsentieren.

Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote
blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich,
indem er je zuweilen die Ohren schüttelte,
wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der
seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe;
Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls
durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne
Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft,
Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so
schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so
großes Gut verschafft hatte.




~Neuntes Kapitel~

Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen
Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer,
die in dieser wahrhaftigen Geschichte
vorgetragen werden


Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah,
sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho,
habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes
erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich
deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen
Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen
ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige
vorsichtiger sein werde.«

»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete
Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr
aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren,
wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt
mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer
Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die
heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert,
denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen
noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon,
als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«

»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte
Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest,
ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat,
will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem
Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch
nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so
im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst,
ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern
nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst
du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann,
auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen
strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken
oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn
wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr
aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der
Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht
mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben
und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein
diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht,
sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen
Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor
und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und
Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen
ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein
Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie
nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute
für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an
einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner
Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit
meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen;
drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen
guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den
Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich
Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant
mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände
brauchen werden.«

Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu
antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte
an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen
Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte
die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach
Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und
sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken,
damit sie von der heiligen Brüderschaft
nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als
er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem
Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den
Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein
Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen
so heftige Jagd gemacht hatten.

Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte
des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die
Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen,
wenigstens so lange, als ihre Speisekammer
sie versorgte, und also machten sie ihr
Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in
der sich viele Korkbäume befanden. Aber das
Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht
vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles
lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt,
führte den Gines Friedberg, diesen berühmten
Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit
des Don Quijote von der Kette erlöst war und der
ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft,
die er mit großem Rechte fürchtete, auf den
Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken,
diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die
nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho
Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie,
da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter
immer undankbar sind, die Not auch oft
das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch
der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines,
der weder dankbar noch von edler Gesinnung war,
darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen,
indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm,
den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum
Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho
Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe
es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß
er nicht wiedergefunden werden konnte.

Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen
und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen
Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah,
begann er so heftig und laut den allerkläglichsten
Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte
und folgende Reden vernahm: »O du mein
eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause
erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines
Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten!
O du Ernährer meiner halben Person,
du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis
und das war mein halbes Auskommen.«

Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die
Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den
besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich
in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich
eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf
Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit
stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine
Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don
Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank,
dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte,
das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders
für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte.
Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in
die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und
wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet
waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen
zog er fort, ohne an etwas anderes zu
denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken
(seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu
reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich
zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen
geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer
über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend,
in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er
für ein neues Abenteuer, solange er auf solche
Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.

Indem hub er die Augen auf und bemerkte,
wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze
seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der
Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen,
wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub
jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen
Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz
vermodert und zerrissen; sie waren aber von so
großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um
sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen,
was sich im Mantelsack befinde. Sancho
richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus,
und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß
zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher
alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden
von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes
Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand
er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie
er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der
uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was
trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein
kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses
ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das
Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho
küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er
noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte,
stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer
war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote
mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders
ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender,
der durch dieses Gebirge gezogen ist, von
Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an
irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«

»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn
wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld
wohl nicht liegenlassen.«

»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so
kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl
sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich
in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet
findet, wodurch wir auf die Spur geraten
und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«

Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als
Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben,
ein Sonett, welches er laut ablas, damit
es auch Sancho hören könnte:

Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,
Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen,
Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,
Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.

Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;
Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,

Daß Götter wüten: aber warum steigen
Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?

Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen,
Daß du so großes Unheil mir geschicket;
Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?

Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,
Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,
Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.

»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch
nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der
Filz da auf den rechten Weg bringt.«

»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.

»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr
von Filz oder Pilz etwas daher läset.«

»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und
dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame,
über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt,
der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich
anders in der Kunst nicht unerfahren.«

»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho,
»Reime zu machen?«

»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete
Don Quijote, »das sollst du gewahr werden,
wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller
Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea
von Toboso senden werde; denn du mußt
wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger
Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und
Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder
richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die
verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten
die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr
Geist als Kunst.«

»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden
wir, was wir wollen.«

Don Quijote schlug das Blatt um und sagte:
»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«

»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte
Sancho.

»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von
Liebe,« antwortete Don Quijote.

»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe
eine große Freude an den Liebessachen.«

»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an
laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf
er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:

»Dein falsches Versprechen und mein gewisses
Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl
die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine
Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen,
Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber
besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum,
den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück
beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch
deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine
Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein
Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist.
Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und
gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls
nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust,
was du getan hast und ich nicht so gerächt werde,
wie ich es nicht wünsche.«

Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte,
sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich
nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von
beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte
hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch
andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen
konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen
waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und
Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen,
diese beweint. Indes Don Quijote das Buch
durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack,
ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht
unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte
jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander,
denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit
oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten
in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich
auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht
mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er
sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die
Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge
des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes,
die Beraubung des Mantels und für allen
Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur
immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden
hatte, durch die Güte, daß ihm dieser
Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der
Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem
heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der
Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie
aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus
der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein
anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand
sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit
seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse
geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren
wilden Gegend niemand zu sehen war, den
er hätte fragen können, so richtete er nunmehr
seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen,
immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in
diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer
aufstoßen müsse.

Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog,
bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der
vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger
Schnelligkeit von Stein zu Stein und von
Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war
halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen
Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh
und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel
trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem
Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß
man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte;
sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt,
schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter
von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale.
So viele Mühe er sich aber auch gab, war
es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der
Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf
in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein
Gemüt saumselig und phlegmatisch war.

Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß
ebendieser der Herr des Reitkissens und des
Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den
Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein
Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu
finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen
und von der einen Seite die Runde um
den Berg zu machen, indem er von der andern
Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt
vielleicht den Menschen anträfen, der mit so
großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.

»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho,
»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn
entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei
Schrecken und Einbildungen verursacht: das,
was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht
dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen
Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«

»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt,
»und es freut mich sehr, daß du meinem
Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen
soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper
verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir
am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen
statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen,
vielleicht treffen wir den Menschen, den wir
erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer
unseres Fundes sein muß.«

Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre
doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir
ihn finden und er vielleicht der Herr von dem
Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm
wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen
diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen
einstecken kann, bis wir auf eine andere,
nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen
Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit,
wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser
sein Recht verloren hat.«

»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung
geraten sind, daß er der Eigentümer sein
möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu
suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen
wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er
der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein
Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also,
Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß
erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.«
Mit diesen Worten spornte er den Rosinante
und Sancho folgte auf seinem Esel nach.
Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten
waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von
Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes
und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie
in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling
der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes
sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine
Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt,
und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen
und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen
Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don
Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen
möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei,
wie sie in diese Gegend gekommen wären,
die wenig oder gar nicht betreten würde, außer
von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder
anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho
antwortete, er möchte herunterkommen, und sie
wollten ihm dann alles erzählen.

Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an
die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er:
»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot
in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon
seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt,
habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«

»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don
Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack,
die wir nicht weit von hier fanden.«

»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der
Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen
wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich
vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal
für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel
ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße,
worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht,
wie's kömmt.«

»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete
Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich
mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen;
hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie
es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie
mich kratzen.«

»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don
Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem
Herrn der Sachen?«

»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der
Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate
sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger
Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen
von hier; er sah vornehm und stattlich aus und
ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot
liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das
Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt
habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges
am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir
ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden,
und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch
nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt,
so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es
ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher
gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig
führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch
unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der
Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem
uns allen sein schönes Ansehen gefiel und
wir uns über seine Fragen verwunderten sowie
über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge
einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr,
bis er nach etlichen Tagen einem von unseren
Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich
an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße
gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte
und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm,
hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das
Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten
dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage
in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum,
um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in
der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes
fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung
war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt
und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn
kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider,
obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug,
woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei,
den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und
sagte uns in wenigen und verständigen Worten,
daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern
möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um
eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen
seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir
baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte,
wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht
bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn
er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns
sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn
wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft
bringen, wäre aber auch dies nicht nach
seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens
darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit
Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere
Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten
um Verzeihung, versprach auch, uns
künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne
jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung
betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere
als das, was er gerade fände, wenn ihn die
Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher
herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle,
die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen,
wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten
uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal
gesehen hatten und wie wir ihn nun vor
uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr
schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine
höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch,
daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich
wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren,
so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst
ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden
mußte. Indem er nun noch am besten in seiner
Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte,
lange Zeit verschloß er die Augen, indes
wir alle verwundert dastanden und warteten, was
aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns
ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen
wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr
den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen,
dann drückte er sie wieder zu, rührte die
Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus
wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein
Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch
zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen
sei, denn wild sprang er plötzlich von der
Erde auf und warf sich auf den, der ihm am
nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit,
daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen
rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben
umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha!
nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen
bezahlen, diese Hände sollen dir das
Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen
und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.
Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich
alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu
sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen
zu behandeln. Wir verließen ihn sehr
betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte
sich von uns und rannte so schnell in das
Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir
ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir
aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele,
und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus
großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch
so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen
haben sich auch bestätigt, denn er hat
sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die
Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem
Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es
aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald
er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf,
wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten,
sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er
wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen
und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch
dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung
häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«,
fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier
andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei
von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so
lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn
wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun
mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen,
was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da
kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur
verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von
ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der
Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann.
Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf
eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen
gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche,
den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt
vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm
schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge
habe klettern sehen). Dieser war durch das, was
ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen
gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der
arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht,
er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher
beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge
aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet
zu lassen, bis er ihn endlich gefunden
hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es
erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke
zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen
den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der
etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an
ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen
konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben
ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß
das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten
korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt
wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider
führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.

Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie
mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler
Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß
ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte
ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit,
indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen
Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen
Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten
von der kläglichen Gestalt nennen könnte,
wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte
ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich
wieder aus den Armen gelassen hatten und legte
seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute
ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob
er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt,
Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich
zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu
erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung
redete, war der Zerlumpte, und er sagte,
was man nachher erfahren wird.




~Zehntes Kapitel~

Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen
Gebirge


Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen
Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher
also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr,
da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke
ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft,
die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich
wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr
als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur
Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat
mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen
edle Teilnahme erwidern kann, als meine
guten Wünsche.«

»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen
nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen
war, diese Berge nicht eher zu verlassen,
bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte,
ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche
Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine
Linderung zu finden sei, und wenn es nötig
wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem
ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück
von der Art, daß für Euch die Türen aller
möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich
zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so
gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer
ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert,
und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche
Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler
Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch
gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was
Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch
liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund
zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen
Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu
sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch
selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer
Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don
Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den
ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich
auch bin, und bei dem Stande eines irrenden
Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler
Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen
erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin,
der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn
es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit
Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen
habe.«

Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede
dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat
nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder
beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den
Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet
hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu
essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes
willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach
Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so
freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen
habt.«

Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und
der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor,
womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte,
der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang,
daß er schnell einen Bissen nach dem andern
ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während
dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm
zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen
hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen
möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen
grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die
Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren,
setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das
nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte,
nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit
gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht,
meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit
meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir
versprechen, weder durch eine Frage noch auf
andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte
zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde
ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«

Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don
Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister
vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die
über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch
die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte
aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich
um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden
kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen,
dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen,
und je weniger ihr mich also unterbrecht,
je schneller werde ich meine Erzählung endigen,
ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz
eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote
versprach alles im Namen der übrigen und jener
fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name
ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten
Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine
Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß
meine Eltern es beweinen werden, meine Familie
darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren
Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse
des Himmels abzuwenden, sind die Güter des
Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen
Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller
ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht
zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens,
eines Mädchens, nicht minder edel und reich
als ich, aber von besserem Glück und geringerer
Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig
war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen
frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie
liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die
ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten
unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber,
denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere
Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut
mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens
übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit
ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es
Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen
Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu
verweigern, und so war er hierin dem Vater der
Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen
ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf
Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war
auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so
konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen
machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die
Empfindungen des Herzens zu erkennen geben,
denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes
macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste
Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel!
wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten,
so erfreulich als anständig erhielt ich von
ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten
Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das
Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen
Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich
ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese
Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den
Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den
Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte
und verdiente Gut zu besitzen, und dies
war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen
Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete,
wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll
fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da
aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten
anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht
mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei
Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen
oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine
edle und verständige Antwort und versprach, daß
mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen
werde, worauf ich mich auch sogleich zu
meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen
und so wie ich in sein Zimmer trat, finde
ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und
ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir:
»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade
dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo
ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen
im schönsten Teile von Andalusien hat.«
Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft
schien, daß es mir selber unverständig vorkam,
wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs
gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte,
um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten
Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu
befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die
er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte,
noch mehr, als mein Vater sagte: ›In
zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den
Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem
Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem
deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten
können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch
andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit
meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach
ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging
dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten
und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich
gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er
versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend
Schwüren und heißen Tränen.

Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing
mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich
den Neid seiner älteren Diener in Bewegung
setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die
der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil
gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft
entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs,
Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling,
großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so
sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber
verwunderten, und ob mir gleich der ältere
Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht
mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem
mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter
wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich
nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos
Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr,
vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht
wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein
Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so
schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war,
daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen
Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären.
Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten
die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er,
um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen,
ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich
ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich
versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten
Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem
Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie
unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir
vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo
zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und
klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er
wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als
ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu
entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig
werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte
er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus
seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich
seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen,
als auf einige Monate zu verreisen, und zwar,
wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich
in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne
Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu
kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt.
Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen,
als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben,
ihn als den glücklichsten und heilsamsten
Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses
Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich
fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf,
meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte
und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn
darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn
die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste
Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag
tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr,
unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens
genossen und wartete nur auf eine schickliche
Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge
entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln
seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine
Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei
den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich
das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse
dann alle Wünsche mit verschwinden und sich
dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie
die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur
setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige
Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando
die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten
seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie
er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu
heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das
nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen
hatte.

Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir,
ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an,
mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und
ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe,
die weder gestorben noch eingeschläfert war, von
neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte
ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte,
ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde,
nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit,
Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde
so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den
Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit
allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu
meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich
zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem
Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten;
er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick
alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus
vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit,
ward in sich verschlossen und mit einem Worte
so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung
meines Unglücks erfahren werdet. Um seine
Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir
verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel
vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem
Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie
mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu
verlangen, der so geistreich, edel und in solchen
Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir
schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten
des Körpers und der Seele, die unter den übrigen
Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen,
daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch
schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden
ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus
seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten
und ihm weniger zu trauen, denn es verging
kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden
gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie,
wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte,
wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt
wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend
und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das
Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen
hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere
zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir
zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß
ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle.
So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein
Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte
und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte
nämlich den Amadis von Gallia.«

Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen
hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr,
gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das
Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so
wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um
mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch
würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie
Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der
Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt
hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch
mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu
verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und
Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe
ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von
der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur
Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis
von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von
Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna
Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya
gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des
Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen
Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner
Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch
läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht
verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein
werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat
kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert
Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner
Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen.
Doch halte ich im stillen dafür, daß ich
keins von allen behalten habe, soweit hat es die
Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer
durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß
ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine
Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von
Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es
mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu
sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist,
nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes,
nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung,
sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich
mir zur Stunde am meisten wünsche.«

Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ
Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken
und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich
ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte
fortzufahren, hob er doch weder den Kopf
auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber
richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann
es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein
Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken
schlagen oder mich eines andern überreden und der
soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil
überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der
Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der
Königin Madasima geschlafen habe.«

»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete
Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem
er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine
schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei!
Die Königin Madasima war eine hocherhabene
Dame, und es läßt sich unmöglich glauben,
daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl
geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint,
lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm
zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet,
bei Tage oder in der Nacht, oder wie es
ihm gut dünkt, beweisen.«

Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht,
er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn
und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen,
Don Quijote war aber ebensowenig zum
Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert,
was er von der Madasima hatte hören müssen.
Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte,
als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame:
so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in
Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt
war, für einen Lügner und Hundsfott schelten
hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so
empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein
und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don
Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte.
Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher
Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter
Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber
empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage
zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf
ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen
eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen
wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und
nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte,
stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um
sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich
auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft
zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine
Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb,
daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen
Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie
sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten
hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er
es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört
habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho
Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der
Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab
sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und
solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote
nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen
wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt:
»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von
der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer
wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann
also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung
nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher
Kerl prügeln.«

»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe
ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig
ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote
fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht
möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn
er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß
seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte,
was er schon einmal gesagt hatte, daß man
seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben
könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden
herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit
oder verrückt, antreffen.




~Elftes Kapitel~

Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen
Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten,
und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte


Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und
dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl
dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem
Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam
weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden
des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit
seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß
jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht
dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er
aber das lange Stillschweigen nicht aushalten
konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt
mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem
Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und
Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch
alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe,
aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und
Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu
reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich
bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch
der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es
zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich
doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur
Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen;
aber das ist zu hart, und keine Geduld
reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern
herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen,
Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem
nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß
man gar nicht herausreden darf, was man auf dem
Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«

»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don
Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge
einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit
auflösen, sprich was du willst, doch unter der
Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange
wir in diesen Bergen herumziehen.«

»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will
ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag,
ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen,
und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch
so der Königin Madam Trine anzunehmen oder
wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie
Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht?
Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr
waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte
in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre
nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen
vorgefallen.«

»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote,
»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine
ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin
Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß
ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den
Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen
Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu
sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die
Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre
an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von
dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger
Mann und kluger Kopf war. Er diente der
Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen,
daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine
Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient:
und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte,
was er redete, mußt du nur darauf merken, daß,
als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«

»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß
man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben
müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden,
so daß der Kieselstein Euch nach dem
Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden
wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns
der Dame angenommen haben, die Gott verderben
mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio
mochte verrückt sein oder nicht.«

»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder
irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre
der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie
vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und
gar für die Königin Madasima, die ich wegen
ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe,
denn außer daß sie über alle Maßen schön war,
war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden,
deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig,
und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister
Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen
ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit
ertragen, und hieraus nahm der unwissende und
schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und
zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber
sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal,
alle diejenigen, die es denken oder sagen.«

»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete
Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische
seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen
oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor
seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist
nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer
einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt:
und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen,
nackt geh' ich wieder fort, mir kann's
nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er
will, was kümmert's mich? So mancher geht nach
Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann
man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott
ist der Richter über alles.«

»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote,
»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander?
Was haben deine Sprichwörter mit unserer
Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig
und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel
anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert,
was dich nichts angeht. Begreife überdies
mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was
ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und
in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß
ist, die ich besser inne habe, als alle die
Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn
das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen,
daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen
in den Bergen herumziehen, um einen
Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun
finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen,
was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte,
sondern Euern Kopf und meine Rippen,
wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu
schmeißen?«

»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote,
»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den
Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife,
sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung
unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und
Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten
Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen
sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden
Ritter vollendet und berühmt machen kann, die
Krone aufsetzen will.«

»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?«
fragte Sancho Pansa.

»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt,
»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß
wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht
auf deiner Betriebsamkeit.«

»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.

»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald
von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so
wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort
meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit
du nicht länger in Erwartungen bleiben und
sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen,
so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer
der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein,
unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen
der fürnehmste, ja der einzige, der König von
allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht.
Schlimm möchte es dem Don Belianis und
allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich
ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich
schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte,
daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt
werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler,
die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt
sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur
Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch
der handeln, der den Ruhm eines Klugen und
Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses
nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus
ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung
malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden
Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und
den Scharfsinn eines tapferen und verständigen
Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder
darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein
sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild
ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise
ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern
zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit
wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den
Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen
haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so
leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der
irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch
dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters
am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser
Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde,
sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies,
war, wie er sich entfernte, von der Dame
Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut
Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön
veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der
sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt
hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin
nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte,
Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte,
Flotten aufreibe und Bezauberungen löse:
da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen
schicken, so will ich auch diese Gelegenheit
nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit
so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«

»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr
denn nun hier in der Einsamkeit tun?«

»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don
Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will,
einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen,
um zugleich den gewaltigen Don Roldan
in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer
Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne,
mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe,
worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume
ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte,
Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte,
die Häuser niederriß, das Vieh gebunden
führte und tausend andere Tollheiten beging, die
eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind.
Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando
(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen
seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch
vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen,
die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten,
vielleicht begnüge ich mich aber auch in der
Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen
Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und
Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten
Ruhm errang.«

»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter,
die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine
Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen;
aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend
zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht?
Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu
wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit
einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht
habe?«

»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote,
»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung:
denn daß ein irrender Ritter aus Gründen
rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als
Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache
unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu
verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen
Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends
da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit
von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso
finde, denn wie du den Schäfer von neulich,
Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei,
alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho,
verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche
und nie erhörte Nachahmung ausreden zu
wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich
bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief
bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden
will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine
Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine
Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich
im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort
zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so
werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den
Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich,
gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir
bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde,
das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho,
verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig?
Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn
jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm
nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit
seines Metalls ermessen kann.«

Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr
Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich
nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr
sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den
Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft
sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen
und Inseln verschenken und andere Gnaden
und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden
Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur
Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße
oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn
wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken
ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als
vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich
wohl anders denken, als daß dem, der so etwas
glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen
ist? Das Becken, das voller Beulen ist,
habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will
ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen
barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich
noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«

»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei
dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don
Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den
nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie
ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner
Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die
irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit
und Unsinn aussieht und alles verkehrt und
wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich
also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment
von Zauberern hinter uns herläuft, die
alle unsere Dinge verändern und verwandeln und
sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem
sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint,
was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der
Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder
für was andres ansehen: auch war es eine herrliche
Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite
ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken
scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der
Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem
Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen,
um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber
nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie
sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei
jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn
dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er
ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte,
wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut
auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht,
sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke
ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom
Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner
Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«

Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß
eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden
wie eine einzelne abgeschnittene Klippe
dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach
vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen
eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge
einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde
Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und
Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen
Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen
Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie
er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als
ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel,
ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um
hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst
über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz,
wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses
kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine
immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das
Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und
Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz
erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche
Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend
euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des
unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und
eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in
dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit
jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise,
jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr
Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern
der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und
wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt
sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o
helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens
sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea
von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz
meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern
meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes
Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge
den Ort und den Zustand, zu dem mich die
Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit
Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O
ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter
meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften
Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine
Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister,
liebwerter Gefährte im Glück und Unglück,
fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was
du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener
wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache
von allem ist.« -- Und sowie er dieses sagte, stieg
er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich
Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen
Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte:
»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist,
o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich
in deinem Schicksale, wandle, wohin du
willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben,
daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an
Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin,
der dem Bradamante so kostbar war.«

Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß
uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen
den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig
so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand
zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er
aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß
man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht
das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei
mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung,
denn soweit denke ich es mit Gottes
Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr
Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit
meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein
Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der
Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen,
denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens
und Wiederkommens lange währen, denn
wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht,
wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn
ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter
Wandersmann.«

»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote,
richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine
Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du
in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit
du das, was ich tue und rede, beobachten sollst,
damit du darüber Rede stehen kannst.«

»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho,
»als was ich schon gesehen habe.«

»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete
Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider
zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich
bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen
angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher
Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern
wirst.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte
Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie
Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen
einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen,
daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön
ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung,
wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig
achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt
werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn
alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes
Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet,
sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder
doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle
ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich
der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch
die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter
als der Diamant ist.«

»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund
Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt
wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme,
kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders
hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die
uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter
der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das
andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum
also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte
und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes
an sich führen; es wird deshalb auch nötig
sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden
zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der
Balsam, den wir verloren haben.«

»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete
Sancho, »denn mit dem ist Charpie und
alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten
haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite
Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen
höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch
mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt,
die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich
die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte,
denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen
und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge
davon erzählen: schreibt mir nur den Brief
und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich
habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald
aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier
bleibt.«

»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don
Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen
oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas
Schlimmeres gibt.«

»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »=nulla
est retentio=, wie ich gehört habe.«

»Ich verstehe nicht, was du mit =retentio= meinst,«
sagte Don Quijote.

»=Retentio= ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß,
wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen
kann, das wird aber mit Euer Gnaden
nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben,
um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich
stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen
Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den
Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins)
erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen
wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden
soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit
ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich
dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück
und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie
eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr
habt die Hoffnung herauszukommen, was aber,
wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen,
die sich in der Hölle aufhalten, und darin
werdet Ihr mir gewiß Recht geben.«

»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der
traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen,
um den Brief zu schreiben?«

»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho
hinzu.

»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und
der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben,
auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die
Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln,
obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten
sein dürften als Papier. Ich denke aber eben
daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann,
nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte;
du wirst alsdann Sorge tragen, es auf
Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im
ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder
wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben
können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem
Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt,
sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«

»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?«
fragte Sancho.

»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,«
antwortete Don Ouijote.

»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung
muß mit aller Gewalt eine Unterschrift
haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so
werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und
mir die jungen Esel nicht ausliefern.«

»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche
selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte
dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung
keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief
betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift
setzen: Der Eurige bis in den Tod, der
Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch
wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden
Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea
weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres
Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen,
denn meine und ihre Liebe blieb immer
platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges
Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen,
denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß
ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das
Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen
habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es
in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat,
wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben
sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo
Nogales erzogen.«

»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter
des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea
von Toboso, mit einem andern Namen
Aldonza Lorenzo getauft?«

»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe,
die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«

»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und
wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der
stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott
lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein
muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den
besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem
das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie
für ein Maul am Halse hat und was für eine
Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem
Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres
Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon,
und die hörten's, als hätten sie unten am
Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so
heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist
lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß
und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter
von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht
nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern
Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte
desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt,
wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel
leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte.
Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege
wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr
lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert
haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht
bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne
und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe
meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich
bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn
ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei
irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret,
oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente,
die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer
und die Ruderknechte, nebst noch vielen
andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege
in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben,
als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im
Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen
Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen
Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer
Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich
vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn
es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen,
daß sie gerade Flachs hechelt oder auf
der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und
sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig
machen.«

»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt,
Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer
seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch
oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber
einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig
ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine
schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die
überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich
in einen jungen Burschen, der rundlich und von
versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim
und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen
Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert,
gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie
eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in
einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen
Menschen verlieben kann, da doch in diesem
Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte
Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter
gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen
mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und
vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe:
›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und
schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit
diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen,
wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn
dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr
Philosophie als Aristoteles.‹ -- Ebenso, Freund
Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt
sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden.
Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame
unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach
ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis,
Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen,
Alinen und noch viele andere, von denen die
Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele
angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und
Blut waren und die wirklichen Geliebten von
denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht,
sondern die meisten erfinden sie nur, um einen
Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit
man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande
wären, es zu sein; und darum ist es mir
auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die
ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei,
die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach
gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben
zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein,
daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn
du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon
weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur
Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter
Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst
bei Dulzinea, denn in der Schönheit
kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe
kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich
zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so
ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch
rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male
ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was
Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt
ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie
nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der
verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch
oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was
er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen
tadeln sollten, so werden mich doch die
Strengen gewiß darum nicht schelten.«

»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen
recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel.
Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem
Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja
nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief
und ich will mein Maul halten.«

Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite
und schrieb mit vieler Andacht den Brief
nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei
und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle,
damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die
Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil
er von seinem Unglück alles zu fürchten habe.

Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur
drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es
mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu
glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte,
ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so
schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse.
Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich
werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist
gewiß wie gegossen.«

»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don
Quijote.


~Don Quijotes Brief an Dulzinea
von Toboso.~

Monarchin! Erhabene Herrscherin!

Der von der Trennung tief Verwundete, der
von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir,
o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir!
welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt,
wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn
Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht,
obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag
doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren,
die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend
ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir,
o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu
erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir
zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen,
so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu
Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend
habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit
genug getan, wie meinem Wunsche.

Der Deinige bis in den Tod.

Der Ritter von der traurigen Gestalt.

»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho
aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das
erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen
ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie
man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt
es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter
von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage
doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es
gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.«

»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem
Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«

»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch
auf einem andern Blatte den Zettul wegen der
drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar
und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«

»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er
geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:

»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte,
auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho
Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen,
die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche
drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige
Valuta zu reichen, die bar empfangen.
Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen.
Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges,
am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt
laufenden Jahres.«

»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet
nur.«

»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don
Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug
hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift
für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert
wären.«

»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete
Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den
Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen;
denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten
weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt,
und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe,
als nur mein Herz wünschen konnte.«

»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil
es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt
sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten
vollführen, denn ich will sie in weniger
als einer halben Stunde fertig haben; hast du
diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf
alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst,
wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges
sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir
vorgesetzt habe.«

»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt
mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde
mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte,
und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so
schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben
habe, daß ich das Heulen nicht von neuem
anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer
etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie
doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten,
die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist
dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt,
es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich
Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie
wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme
sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie
nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich
hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort
mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen
herausholen, denn warum soll man's denn leiden,
daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid,
um nichts und wieder nichts unsinnig wird für
eine -- -- --. Die gute Dame soll mich nur nicht
ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst
ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich
bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber
meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich
zum Frühstück nehmen.«

»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem
Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«

»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho,
»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was
werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme?
Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße
lauern und die Hirten plündern?«

»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote,
»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde
ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und
die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen,
denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung,
nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«

Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger
Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht
wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist
gar zu abgelegen.«

»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich
will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,«
sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken,
oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen,
um mich droben umzusehen, ob du nicht
wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird
sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß
du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst
und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das
offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum
Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden,
wie der Faden dem Perseus aus dem
Labyrinthe half.«

»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa;
er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen
Segen und unter häufigen Tränen von beiden
Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den
Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl,
daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst
wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem
flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit
Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein
Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich
ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben
möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen.
Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt,
als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr
habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich
Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit
ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum
will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die
tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«

»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote,
»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser
ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf
die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir
nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf
sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine
in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie
nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen,
den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und
hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können,
sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße
ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange
dauern wird.




~Zwölftes Kapitel~

Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don
Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge
unternahm


Um auf das zurückzukommen, was der von der
traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah,
so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote
mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte
bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet,
und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne
weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg
er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte
noch einmal, was er schon oft überlegt hatte,
ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich
besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in
seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen
schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf
er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich
ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein
von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare?
denn am Ende war er doch immer bezaubert
und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn
nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt
seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit
siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich
diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio
half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in
seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine
Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren
kommen; gewiß ist es, er verlor
ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand
und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab,
wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem
jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben
des Agramant, geschlafen habe: und indem
er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame
ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte
er nichts sonderliches darin, unsinnig zu
werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten
nachahmen, wenn ich ihn nicht auch
in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte
wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von
Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit
Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner
Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie
die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein
hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr
dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der
rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf
der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von
Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten
zu begehen, sich wohl als Verliebter
noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte
erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana
verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als
bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen:
er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth
zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und
dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in
seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete.
Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich
mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen,
diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein
Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren
Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin,
zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis!
und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen,
so gut er es nur kann: wenigstens soll
man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden
können, daß, wenn er große Taten nicht
vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch
nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet
bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von
ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans
Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen
des Amadis und lehrt mich, wie ich den
Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere
mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und
dieses will ich auch tun. --

Er zog hierauf einige große Galläpfel vou
einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze
dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte,
war, daß er keinen Einsiedler auffinden
konnte, dem er beichtete und mit dem er sich
tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf
der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in
die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande
niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen
und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen,
die man noch fand und die man noch lesen konnte,
als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:

Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,
die ihr auf dem Platze hier seid,
ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,
wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,
so hört meine Klagen nun weiter.

Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote,
denn er ist so fürchterlich ja,
so steht euch ein Bach zu Gebote,
denn hier bewein' ich, Don Quijote,
die Trennung von Dulzinea
von Toboso.

Hier ist er, der Ort, den erwählet
der Liebende, ewig getreu,
der ihn der Geliebten verhehlet,
hier reißet der Schmerz ihn entzwei,
er weiß nicht recht, was ihn so quälet.
Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,
wie keinem es jemals geschah,
drum welkt er wie Bohn' oder Schote
denn hier bewein' ich, Don Quijote,
die Trennung von Dulzinea
von Toboso.

Er suchte wohl hier Abenteuer
in Orten, an Felsen so reich,
er flüchtete dem Ungeheuer,
doch hört er im wüsten Gesträuch
von Leiden nur die alte Leier.
Es peitscht ihn die Liebe zu Tode
und bleibet zur Marter ihm nah,
drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,
denn hier bewein' ich, Don Quijote,
die Trennung von Dulzinea
von Toboso.

Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte
der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea
ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don
Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea
nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die
Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch
in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden
hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt,
sie erhielten sich nicht und nur diese drei
Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und
daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der
Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und
die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle
antworten, Trost geben und zuhören möchten,
unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich
mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme:
wenn dieser so drei Wochen weggeblieben
wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der
von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden,
daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt
hätte.

Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und
Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem
Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete.
Als er auf die große Straße gelangt war, machte
er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte
am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn
das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er
hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch
schon so war, als wenn er wieder in den Lüften
flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich
es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt
und gesollt hätte, denn es war um die
Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen
spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit
vielen Tagen danach großen Hunger empfunden
hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht
an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß,
sollte er einkehren oder nicht: wie er noch
in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute
aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von
denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat,
ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von
dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte,
daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen
sei?«

»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas
Pferd gehört auch unserm Don Quijote.

Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der
Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren,
die nämlichen, die das Verhör und Gericht über
die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den
Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten,
begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören,
liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn
bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho
Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«

Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm
sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein
Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein
Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle
und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich
wichtig sei, die er aber nicht verraten
dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.

»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr
uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist,
so werden wir glauben, wie wir es schon glauben,
daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn
Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr
müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es
ergeht Euch übel.«

»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich
bin ein Mann, der keinen plündert und keinen
umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder
vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten
im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust
Buße tut.« -- Und zugleich erzählte er ihnen
in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben
sei, samt allen gehabten Abenteuern und
wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso
bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo,
in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.

Die beiden standen voll Erstaunen über das,
was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich
sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben
kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert,
so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho
Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die
Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er
sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und
wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier
im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der
Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn
er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho
Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und
suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und
hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht
hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten
und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen
hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie
er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte,
er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem
Körper herum und sah und begriff zum zweiten
Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne
weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn
halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen
ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht
und gegen die Nase gab, daß das Blut
herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier
sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei,
daß er sich so übel begegne?

»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete
Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt,
drei junge Esel verloren habe, wovon mir
jeder so wert wie ein Palast war.«

»Wie das?« fragte der Barbier.

»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete
Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und
auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn,
auf die mir die Nichte drei junge Esel von den
vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im
Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust
seines Grauen erzählte.

Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn
er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung
wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf
Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich
sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern
würden nicht für gültig anerkannt.

Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn
dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er
den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er
wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben
werden könnte, wo und wann sie es wollten.

»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier,
»wir wollen ihn gleich niederschreiben.«

Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um
den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er
sich auf den einen Fuß und bald auf den andern,
jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den
Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom
Finger heruntergebissen hatte und die beiden in
der größten Erwartung standen, was er doch sagen
würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause:
»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich
das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen
Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde:
Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«

»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen
heißen, sondern vielleicht meine Königin oder
Monarchin.«

»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich
darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam -- --
-- -- wenn ich mich recht erinnere -- -- -- --
der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete
küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich
unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß
nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er
schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende
hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von
der traurigen Gestalt.«

Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte
den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn
sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und
dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal
sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf
erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber
er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm
in der Schenke widerfahren war, in die er nicht
einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr,
wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute
Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu
machen und Kaiser zu werden oder wenigstens
Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht,
nach der Tapferkeit seiner Person und der
Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding
ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle
er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl
Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das
Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die
eine reiche und große Herrschaft auf dem festen
Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache
er sich nichts.

Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem
er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so
ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten,
indem sie erwogen, wie gewaltig Don
Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den
Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen
habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm
seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß
dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe,
wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten
ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten
ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines
Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches
und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe
der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens
Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.

Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren,
wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten
sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser,
sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl
wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren
Stallmeistern zu geben pflegen.«

»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer,
»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der
etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet,
die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«

»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho,
»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß
er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach!
ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht
die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir
werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt,
Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch
sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«

»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der
Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und
ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache
machen, Kaiser und nicht Erzbischof
zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein,
denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«

»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß
ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat;
was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben
Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm
am meisten diene und wobei er mir das meiste
geben kann.«

»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der
Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter
Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist
auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen
Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt;
damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich
essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in
diese Schenke hineingehen.«

Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten,
er aber wolle draußen warten und ihnen nachher
die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe
und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er
sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas
Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante.
Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach
einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu
essen.

Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich,
wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der
Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz
in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war,
wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich
dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine
irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich,
so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen
möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don
Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte
Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von
ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer
irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber,
um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen
möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln,
in das sie ein schlechter Ritter verwickelt
habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht
befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben,
auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten,
bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade
gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in
dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte,
und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und
nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es
möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit
zu heilen.




~Dreizehntes Kapitel~

Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet,
nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte
vorgetragen zu werden


Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers
nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich
zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von
der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür
der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum
Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen
weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze,
an dem der Wirt seine Kämme aufhing.
Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen
anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich
Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung
dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge
herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der
Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß
dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und
der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse;
sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich
mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu
verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg.
Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie
man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm
nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer
Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt
waren, hierauf ein Leibchen von grünem
Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles
aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien.
Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte,
sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes
Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte,
und um die Stirn band er ein Strumpfband von
schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband
machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich
gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er
sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er
ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf
er noch einen langen Mantel überwarf und sich
quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg
seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf
den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche
spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze
eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen
von allen Abschied, auch von der braven Maritorne,
die, so sündhaft sie auch selber sei, einen
Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen
Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche
Unternehmung, die sie unternommen hatten,
glücklich beendigen möchten.

Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als
dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm
nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren,
sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester,
wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so
gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den
Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß
er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle
der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte
weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er
fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den
Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte.
Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug
lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der
Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte,
sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete
ihn, wie er sich gebärden und welche
Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe,
um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu
gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner
unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete,
daß er selbst seine Lektion wüßte und sie
gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte
sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der
Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also
den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen
Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von
Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was
ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im
Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig
den Fund des Mantelsacks und das, was er in
diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm
er auch war, so war dieser brave Herr doch gut
auf sein Bestes bedacht.

Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo
Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut
hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er
seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte,
sagte er, daß dieses der Eingang sei, und
daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies
nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie
hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und
diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen
Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien,
welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr
nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie
wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte,
wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an
Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und
weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche
Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer
Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen,
weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch
und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären
sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen
und ihn so anzufrischen, daß er sich
gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot
zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber
solle er ohne Sorgen sein.

Sancho hörte alles an und prägte es sich gut
ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht,
daß sie seinem Herrn zureden wollten, er
möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er
seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die
Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr
als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte
auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn
zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame
zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend,
ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so
viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien
das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort
zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen
Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.

Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein
und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein
kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem
Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen
Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es
war im August, in welchem Monat die Sonne dort
sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren
verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr
angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr
des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem
die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen
sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton
eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber
sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie
hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute
Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft
erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden
Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies
mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit;
da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die
sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein
könne, sondern von einem feinen Manne herrühren
müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die
Verse, die sie hörten, waren folgende:

Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke?
Die Tücke.
Und was macht mich nun in Qual vergehen?
Verschmähen.
Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne?
Die Ferne:

und also machen bessre Sterne
mir niemals lichtern Himmel offen,
vereinigt töten mich das Hoffen,
Verschmähen, Tücke, wie die Ferne.

Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe?
Die Liebe.
Und wer scheucht die Freude weit zurücke?
Das Glücke.
Und wer weigert mir zu sein ein Retter?
Die Götter:
Und also brechen tausend Wetter
daß ich muß ein Verlorner sein
nur zum Verderben auf mich ein,
das Glück, die Liebe und die Götter.

Wie kann ich ein beßres Glück erwerben?
Durch Sterben.
Und was macht, das uns die Lieb' erfreue?
Untreue.
Und für wen ist alles Leid verloren?
Dem Toren:

und also bin ich nur geboren,
in meinem Leiden zu verschmachten,
für Helfer sind ja nur zu achten
Untreue, Sterben, oh, des Toren!

Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und
die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den
beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung,
sie hielten sich ruhig, indem sie noch
mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß
alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den
Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang,
und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten,
machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten,
denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes
Sonett wurde gesungen.

Sonett

Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen
Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,
Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,
Zu den gebenedeiten Himmelsreichen.

Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen
Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,
Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,
Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.

Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,
Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,
Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.

Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,
So wird die Welt den alten Krieg begonnen
Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.

Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die
beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie
noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß
sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen
verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der
Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein
Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen,
als sie, indem sie um einen Felsen bogen,
einen Menschen von eben der Gestalt gewahr
wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er
von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte,
blieb er unverändert in seiner traurigen
Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken
und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die
Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen.

Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und
schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an
den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu
und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen
Worten, dieses unglückselige Leben zu
verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches
das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio
war gerade bei vollem Verstande und ohne einen
Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm
selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders
gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien
aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig,
noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer
Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber,
was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er
mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch
sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für
die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft,
wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein
Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller
Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit
Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne
diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier
entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle.
Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl
möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne,
wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen
kann, ihr müßt mich also für einen Menschen
von schwachem Verstande halten, oder, was noch
schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und
freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet,
denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige
Bild meines Elendes so überwältigt hat
und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich
selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos
wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung
entbehre; darum muß ich alles glauben,
was mir manche erzählen und mir durch Spuren
beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener
schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht.
Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich
klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen
und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem,
der mich anhören will, mein Unglück erzählen,
damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie
sich nicht über die Folgen desselben wundern und
wenn sie mir nicht helfen können, mich doch
wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über
meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt
werden muß. Kommt ihr also, meine
Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der
schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch,
ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt,
die Geschichte meines Unglücks anzuhören,
weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz
findet, mir in meinem Elende Trost zu geben,
das durchaus keinen Trost zuläßt.«

Es war gerade der Wunsch der beiden, aus
seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut
zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte
vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm
keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten,
als die er selber wünschen würde. Der
traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte
an und trug sie fast mit den nämlichen Worten
und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote
und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt
hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und
durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen
der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung
abgebrochen wurde, wie es die Historie
oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück,
daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört
wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu
Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando
im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte
Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb
sagte er ihn mit diesen Worten her:

Lucinde an Cardenio.

›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch,
die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem
hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen
Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre
bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun.
Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich
liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen
wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr
mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es
glaube.‹

Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt,
bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten,
und durch dieses Blatt wurde Fernando in
seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste
und klügste Mädchen seiner Zeit zu
halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch,
mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch
in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando
was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es
meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich
es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht,
daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil
ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde
unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären
hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen
Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff
wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich
so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der
Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich
sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit
meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur
dies Hindernis, sondern noch manches andere mache
mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was;
es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals
in Erfüllung gehen würden.

Don Fernando antwortete mir, daß er es über
sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und
ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater
redete. -- O du ehrsüchtiger Marius! grausamer
Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon!
du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o
habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger,
Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche
getan, der dir so offen die geheimsten
Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich
dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben,
welches Wort jemals gesprochen, das nicht
hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück
zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender!
es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne
Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt
und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft
des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des
Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben
können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller
Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten,
der so angesehen war, daß er nur wählen durfte,
um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht
ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt
hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will
diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen
und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen
Geschichte anknüpfen.

Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich
war, um seine schändliche Falschheit auszuüben,
beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder
zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem
für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb
gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine
verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er
kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot,
mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte,
daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte.
Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte
ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich
mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an,
sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft
hielt. In derselben Nacht sprach ich mit
Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando
verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung
fassen könne, daß nun unsere tugendhaften
Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich,
vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie
ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei
überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein
Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung
zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah,
aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen
von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle,
so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich
es mir schien, sie habe mir noch vieles zu
sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich
noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn
so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine
Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch
jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere
Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht
einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß
der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe,
ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz
und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit
ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen
schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige
Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten,
und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte,
war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt
zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des
niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem
Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem
traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte
und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und
Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte
Traurigkeit Lucindens. Um aber meine
Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles
der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den
wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich
innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich
endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken
und Argwohn, ohne daß ich wußte oder
erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die
mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das
meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.

Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich
überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando.
Man empfing mich freundlich, fertigte mich
aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu
meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht
Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der
Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder
schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen
Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur
eine Erfindung des falschen Fernando, denn es
fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich
abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe
dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir
unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu
leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen
hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein
redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf
Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier
Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich
aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich
sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens
Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn
nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen
haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn
sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur
selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer
ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf
dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie
er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um
die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine
Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und
zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr
ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so
bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich
nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an
die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit
Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset,
damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt
das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt
hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch
herab, in dem hundert Realen eingebunden
waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger
habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort
abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück,
doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das
Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß
ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun
für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt
sah und aus der Überschrift erkannte, daß der
Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich
sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen
Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das
Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief
selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden
verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt
habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.

Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich,
von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen,
daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich
erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:

»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch
gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen
zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu
Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur
Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don
Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht,
verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb
zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll,
und zwar so verborgen und geheim, daß nur der
Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen
sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen;
wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch
liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben.
Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich
mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu
verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu
halten weiß.«

Dies war der Inhalt des Briefes, der mich
sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort
oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein,
daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens,
den Don Fernando bewogen hatte, mich
zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don
Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren,
den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und
der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn
ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern
Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden
zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin
und ließ mein Maultier in dem Hause des braven
Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es
fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am
Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde
sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so,
wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber
in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt
und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu
kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner.
Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio,
ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten
schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger
Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen
meines Todes, aber niemals meiner Vermählung
sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber
Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu
sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so
soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle
Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt
und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen.

Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich
fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine
Taten deine Worte wahr machen, führst du einen
Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein
Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen,
wenn uns das Glück entgegen ist. Ich
glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie
riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete.
Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein,
die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft,
ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß
in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung
verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine
Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich
ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging
in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und
Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult
begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen
zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich
mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von
herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß
ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die
Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken
mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich
kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so
viele und von solcher Art drängten sich mir auf,
daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam
trat endlich ohne weiteren Schmuck in den
Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider.
Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm
und weiter war niemand im Saale zugegen, als
Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde
aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und
zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön
und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit
verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler
Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und
Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer
zu betrachten, ich merkte nur die Farben
Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine,
die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem
ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer
glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde,
so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem
Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale
waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den
Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind
meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die
unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin
vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis,
nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals
tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung
empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens
dies Leben verliere? -- Laßt es euch, meine
Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit
anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß,
daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten
erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in
meinen Augen eine lange Rede.«

Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig
verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern
Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären,
denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie
nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen
ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten
schenken müsse.

»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio
fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein,
faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie
vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr,
Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don
Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es
die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit
Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich
hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und
mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu
vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung
meines Lebens! O wär' ich doch damals
hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde!
Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du
mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist,
und daß du keinem andern angehören darfst!
Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines
Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don
Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod
meines Lebens! Was willst du? Was verlangst
du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel
deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist
meine Gattin und ich bin ihr Gemahl!

O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der
Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun
sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein
köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber,
an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein
Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle,
Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein
Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel,
wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in
Reue und Wahnsinn. -- Der Priester erwartete
Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich
nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich
zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die
Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem
Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit
schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das
nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden
gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft.
Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber
sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank
ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.

Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen
hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die
Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand
und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das
Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke
verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke,
mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig,
als trüge die Erde mich nur als ihren
Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern
Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt:
nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich
vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern
brennen fühlte.

Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt;
die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr
Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes
Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und
es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt
hatte, sank er in einen Stuhl und stützte
den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken
versunken, ohne den übrigen zu helfen,
seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so
alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß
ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen
möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man
mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze
Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung
des falschen Fernando erführe, sowie den
Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber
mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt
hat, wenn es größere gibt, führte es so,
daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft
fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne
also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen,
wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von
allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die
Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben.
Ich war also grausamer gegen mich, wie ich
gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet
hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber,
der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet,
ermordet sich unaufhörlich, ohne sein
Leben zu beschließen.

Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier
stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied
zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es,
wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts
zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen
Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte
und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob
ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich
einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen
begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando,
als wenn sie dadurch das Unrecht büßten,
das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie
grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich
aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern
meines Feindes geblendet, mich verlassen
und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit
mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult
dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie
dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der
Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie
konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen
reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne
den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen
handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches
ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig
war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen
dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten
sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen,
denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten
sie selbst keinen besseren Gatten für ihre
Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt
nachgegeben hätte und die Hand gereicht,
hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben,
daß ich kommen und alles das bestätigen
werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten.
Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig
Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe
sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen,
womit sie mich getäuscht und in meiner
festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen
hingehalten hatte. So schreiend und in dieser
Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit
Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange
dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne
Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf
Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite
dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der
wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen
mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich
mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu
endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis
kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger
tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so
unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu
Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert,
ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung
meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag
ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf
ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich
bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten
beigestanden haben, denn sie erzählten mir,
wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so
vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt,
daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren
habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden,
daß er nicht immer hinreichend stark ist,
sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend
Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch
die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und
vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin
wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem
Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann
wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so
matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann.
Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines
geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden
Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten,
die in diesen Bergen streifen, legen mir,
aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen
Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe
und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht
Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt
der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt
in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren.
Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne
begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und
nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch
aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem
Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies
elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel
gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis
so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit
und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos
Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem
Tode, so will ich meine Gedanken anders richten,
wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner
Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle
ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper
aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig
gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die
trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun,
ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an
mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe,
mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir
so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten
Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will.
Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie
einen andern erwählt hat, indem sie die Meine
war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück,
da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie
machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig,
ich will mich selbst verderben und dadurch
ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein
Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen
Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß
ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich
um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie
sich nicht mit dem Tod endigen werden.«

Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die
Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem
ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte,
unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und
sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der
vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn
hier beschließt den dritten der weise und genaue
Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.



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